#Alphaadvent 2017

24 Tage bis Weihnachten, 24 Tage mit dem Alphateam, 24 Kurzgeschichten.

Diese Kurzgeschichten spielen während derselben Zeit wie das Buch „Alpha One“, wo über Beths erstes Weihnachten bei UCoP nichts erzählt wird. Sie lassen sich auch unabhängig und ohne Vorkenntnisse zum Buch lesen.

Ich wünsche Euch ganz viel Spaß und eine schöne Vorweihnachtszeit!

 

 

1. Dezember – Beth

Wie seit Wochen lag ein Tag voller Training vor ihr, wie sie es nicht anders kannte, seitdem sie bei UCoP, der United Confederation of Performance, war. Nachdem sie das Training mit Henry und Tom irgendwie überlebt hatte, wartete sie darauf, dass Tom zurückkam. Er war mal wieder kurz nach draußen verschwunden, um zu telefonieren. Henry hatte inzwischen samt seiner Sachen den Saal verlassen, anscheinend hatte er es heute eilig. Doch ihr war es egal, sie atmete durch, als sich die Tür hinter ihm schloss und sie kurz die Augen zumachte, um einen Augenblick zu entspannen.

„BETH!“

Sie zuckte zusammen, als sie die Augen öffnete und Tom mit verschränkten Armen vor ihr stand.

„Du bist eingeschlafen!“

„Sorry!“ Schnell stand sie auf und dehnte sich kurz, bevor sie sich auf den Weg in die Mitte machte. Tom betrachtete sie skeptisch, sagte aber nichts weiter und begann stattdessen mit seinem Training.

Er quälte sie wie immer zwei Stunden und versuchte ihr alles beizubringen, damit sie ein Teil von Alpha werden konnte. Alpha, das Leadteam UCoPs, das Team mit den Superstars. Sie sollte ein Teil von diesen werden, so sah es zumindest aus. Sie würde damit neben den anderen Frauen Ana, Charlotte, Minkah, Rani und Claire, die sechste Frau im Team sein. Sechs Männer gab es bereits, neben Henry, dem Alpha One, komplettieren Ben, Sean, Feo, Dayo und Thien das Team. Die Zahl 12 wirkte auch viel schöner. 11 war schon immer irgendwie krumm gewesen, doch Beth hätte nie gedacht, dass sie die zwölfte Person werden würde, denn bis Anfang des Jahres hatte sie mit professionellem Performen, also Gesang und Tanz auf höchstem Niveau, nichts zu tun gehabt.

„Beth!“

Sie zuckte wieder zusammen, anscheinend hatte sie geträumt. Tom, der CEO UCoPs und Cheftrainer, der momentan auch noch ihr persönlicher Trainer war, hatte eine Augenbraue angehoben. „Tut mir leid, ich war in Gedanken!“

„Das war nicht zu übersehen. Wir sind fertig.“

Sie nickte und ging zu ihren Sachen, wo sie sich erschöpft niederließ und erst mal eine halbe Flasche Wasser herunterkippte.

Sie bemerkte einen Schatten auf sich und blickte hoch. Tom kam mit seinen Sachen zu ihr und hockte sich neben sie, um sie zu betrachten. Sie stockte, denn das tat er sonst nie. „Du bist ziemlich erschöpft und müde, das bemerkt man beim Tanzen“, begann er.

Jetzt hob sie die Augenbraue und wartete ab.

„In dreieinhalb Wochen ist Weihnachten, möchtest du ein paar freie Tage haben und nach Hause fahren?“

Ihr entglitten alle Gesichtszüge. „Auf keinen Fall!“

„Was?“ Toms Stirn kräuselte sich, anscheinend hatte er mit dieser Antwort nicht gerechnet.

Beth räusperte sich. „Du meinst es bestimmt nett, aber ich will nicht nach Hause! Ich will überhaupt nicht weg!“ Angst erfasste sie. Weihnachten bei ihren Eltern zu verbringen, war etwas, was sie aus verschiedenen Gründen nicht haben musste. Weihnachten war das Fest, was sie nicht leiden konnte. Umso mehr Normalität sie haben konnte umso besser. Und wenn sie allein an die Gründe dachte, warum das so war, wurde ihr schlecht.

„Okay! Aber einen zusätzlichen Tag bekommst du frei, keine Widerrede. Du ruhst dich aus!“

Sie nickte und er verschwand.

 

2. Dezember – Ana

„Pass doch auf!“, zischte sie, als ihre Assistentin Olena sie anrempelte. Ana hatte sich gerade über die Auslagen gebeugt, als Olena in sie hineinlief. Der Grund war offensichtlich, Olena hatte ihr Telefon in der Hand.

„Tschuldigung!“, murmelte diese, aber konnte den Blick nicht vom Telefon lassen.

Ana drehte sich endgültig um und da sie ein ganzes Stück größer war, starrte sie ebenfalls von oben auf Olenas Telefon. „Was ist das?“

„Hmm?“ Olena zuckte zusammen, als würde sie erst jetzt den Umstand realisieren. „Das ist der Arbeitsplan für Weihnachten!“ Sie lief rot an.

„Und der nimmt dich so ein?“

„Ääähm, ja, also … ich wollte vielleicht nach Hause fahren …“

„Ja, und?“

„Du musst arbeiten!“

„Ja, ich habe nur zwei zusätzliche Tage frei“, antwortete Ana irritiert. Heiligabend lag auf einem Sonntag, den sie normalerweise eh frei hatte, dann gab es dieses Jahr noch den 25. und 26. Dezember dazu. Mehr nicht. Aber das war nicht unüblich. Training endete einfach nicht, dieses Jahr sowieso nicht bei den neuen Umständen. „Oh guck mal, das muss mit!“ Sie wurde abgelenkt. Ein schlichtes Armband mit kleinen Glitzersternen schob sich in ihr Blickfeld und brachte sie total raus.

Die Verkäuferin, die hinter ihnen herlief, lächelte und nahm das Armband raus und reichte es Ana.

„Definitiv! Es passt zum Kleid.“ Sie gab es zurück und die Verkäuferin legte es kommentarlos zur Seite. Dann fiel ihr Olena wieder ein. „Also, wann wolltest du fahren?“

„Bis Neujahr! Ich habe gedacht, weil ja keine Season ist, dass ihr auch frei habt.“

„Haben wir nicht, aber du kannst fahren.“

„Echt?“ Olena sah erstaunt auf.

Ana konnte das verstehen, sie war nicht unbedingt freigiebig, was zusätzliche freie Tage anbelangte, denn Olena war einfach zu wichtig für sie. „Ja, wenn du willst. Ich komme schon irgendwie klar!“ Ana seufzte leise. Sie hasste es, wenn Olena nicht da war, aber irgendwie schienen ihr die paar Tage angebracht und sie hatte sich Urlaub verdient.

Olena strahlte und das machte es Ana gleich leichter. „Danke Ana, du bist die Beste!“

Ana seufzte erneut, dieses Mal laut.

 

3. Dezember – Thien

Müde schlurfte er nach unten zum Frühstück. Er hatte Pech, seine vier Mitbewohnerinnen waren alle schon da und schnatterten so laut, dass er am liebsten wieder umgedreht wäre. Doch der Hunger überwältigte ihn. Er sollte sich wirklich einen Essensvorrat in seiner Wohnung anlegen, wie Dayo das tat. Aber andererseits wusste er auch, dass dieser nie lange halten würde. Essen musste gegessen werden, wenn es in seiner Reichweite war.

„Morgen!“, rief er, als er den Raum betrat, und sah zu, dass er in die Küche verschwand, wo Giovanni ihn schon erwartete.

„Ah Thüüüäääääään, viel Essen wie immer?“ Er strahlte und Thien grinste innerlich darüber, dass er es auch noch nach so viel Zeit nicht hinbekam, seinen Namen richtig auszusprechen.

„Ja, danke! Und viel Kaffee, sonst halte ich das Geschnatter nicht aus!“

Giovanni lachte laut und machte sich ans Werk.

 

Die erste Tasse Kaffee hatte er bereits intus, als er sich samt Frühstück wieder rauswagte.

Das Geschnatter hatte sich nicht gelichtet, im Gegenteil. Still setzte er sich an den Rand und konzentrierte sich auf sein Essen.

„Thien, was meinst du? Den Weihnachtsbaum ganz in Gold oder eher mit bunten Elementen? Die anderen machen ihn laut Ana angeblich in weiß und winterlich!“ Charlotte sah ihn erwartungsvoll an.

„Vermutlich wie immer mit jede Menge Glitzer, so wie man Ana kennt!“ Rani kicherte und die anderen kicherten mit.

Thien hob genervt den Kopf. „Mir egal, von mir aus brauchen wir keinen Baum!“

„Ach Thien, sei kein Spielverderber, der Baum sorgt für viel mehr Atmosphäre!“

„Du bist doch gar keine Christin, wieso interessiert dich Weihnachten überhaupt?“, fragte er Charlotte im Gegenzug. Genau wie er im Übrigen, mit Weihnachten hatte er nichts zu tun.

„Tzz, es ist eben ein schönes Fest und der Grundgedanke der Liebe ist es, der mir gefällt!“

Thien verdrehte nur die Augen und wandte sich wieder seinem Essen zu. Weihnachten, das Fest der Liebe und Familie. Allein bei dem Gedanken wurde ihm schlecht.

 

4. Dezember – Ben

„Was hat Thien denn?“ Ben beäugte Thien, der missmutig schien.

„Keine Ahnung, war er schon gestern!“, antwortete Dayo, der mit Thien in einem Haus wohnte.

„Weihnachten!“, brummte Henry von der Seite mit verschränkten Armen. Er beobachtete nebenbei die Betas und Gammas, also die beiden Teams, die vom Rang unter Alpha lagen und deren Chef Henry genauso war, wie von ihnen.

„Ach stimmt, da hatte er ja ein Problem mit!“ Ben wusste es wieder. Thien hatte eine schwierige Kindheitsgeschichte und war deswegen bei allem, was mit Familienfeiern zu tun hatte, empfindlich.

„Was machst du denn an Weihnachten?“, fragte Dayo ihn.

„Ich jette kurz in die Schweizer Berge und verlebe richtig kitschige Familienweihnachten.“ Ben grinste.

„Erzähl das nicht den Mädels, die wollen alle mit!“ Dayo grinste auch.

„Ach, meine Liebste nehme ich mit.“

„So ernst inzwischen?“

Ben grinste breit. Es war schon ziemlich ernst, sie waren inzwischen über ein halbes Jahr zusammen und er konnte es nicht fassen, wie eng es wurde. Da fiel ihm ein, dass er auch unbedingt ein Geschenk brauchte. „Jemand ne Idee für ein Geschenk für SIE?“

„Du hast genug Kohle, kauf ihr irgendwas, was sie mag. Schuhe, Klamotten, ne Louis Vuitton Handtasche, Schmuck … Ernsthaft, da findet man doch genug!“ Sean verdrehte die Augen.

„Ja, aber ich will ihr ja nicht irgendwas schenken!“

„Oh Gott, sie wird sich schon freuen! Mach dir nicht so einen Kopf … Oder willst du sie etwa heiraten?“

Plötzlich drehten sich alle drei Köpfe seiner Kollegen um, selbst Henry musterte ihn aufmerksam.

„Das habe ich nicht gesagt, das wäre auch wohl etwas früh.“

„Definitiv!“, brummte Henry. „Du bist 20.“

Ben verdrehte die Augen. „Du tust so, als ob du jetzt wahnsinnig viel älter wärest.“

„Ben …!“ Sean seufzte. „… Jetzt hast du das Unheil heraufbeschworen!“

Henry drehte sich derweil zu Ben um. „Ich BIN älter und in meiner Position so viel länger, dass du noch beinahe Windeln gebraucht hast, als ich zu UCoP ging. Und in den vier Jahren Altersunterschied kann man unendlich viele Frauen haben. Glaube mir, du bist zu jung, schau dich lieber um!“

Alle seufzten, diese Art der Rede hatte jeder von ihnen schon einmal gehört. Henry wurde es nicht leid zu betonen, wie viel länger er als alle anderen bei UCoP war. Immerhin hatte er nicht mehr so eine miese Laune wie noch vor Wochen, was allein daran lag, dass auch der große Henry mal einen Dämpfer bekommen hatte, indem Tom, ihr Chef, ihm eine neue Partnerin vor die Nase gesetzt hatte. Innerlich fand Ben das immer noch witzig und Beth schien nett zu sein, im Gegensatz zu Henry.

„Du schaust dich genug um!“, brummte Ben als Antwort.

Henry grinste.

 

5. Dezember – Minkah

„Boah Thien, nun komm mal wieder runter! Es ist nur Weihnachten!“

Thien grunzte. „Du könntest dich auch einfach mal konzentrieren, anstatt an bunte Kugeln und affige bunte Lampen zu denken!“

„Ich denke nicht an bunte Kugeln und bunte Lampen, ich denke darüber nach, ob wir Lametta in den Baum hängen oder nicht. Ist das gerade Mode?“ Sie sah Thiens Gesichtsausdruck und ruderte zurück. „Vergiss es einfach, woher solltest du das auch schon wissen.“

Er brummte. „Richtig! Können wir jetzt BITTE weitermachen. Ich habe einfach keine Lust, auch noch bei unserem Paartraining ständig an Weihnachten erinnert zu werden. Mich nervt schon der blöde Baum hier im Foyer des Trainingskomplexes.“

„Tut mir leid, ich vergesse immer, dass du bei Familienfesten empfindlich bist.“ Ihre Stimme wurde sanft und mitfühlend. Thien hatte eine schwere Kindheit hinter sich. Seine Familie war quasi nicht existent, wenn man von ein paar Pflegeeltern absah, die man allesamt vergessen konnte. Aber er hatte auch noch einige entfernte Cousins, mit denen er sich gut verstand. Sie legte ihre Hand auf seinen Arm. „Komm, wir tanzen noch mal und wenn es dich aufheitert, machen wir auch noch eine Runde irgendwas Verrücktes.“ Thien liebte verrückte Tanzsachen, bei denen er etwas aufdrehen konnte, und er liebte seine coolen Moves, bei denen ihr immer etwas schwindelig wurde. Einmal hatte sie sogar kotzen müssen, weil er einfach nicht aufhörte sie und sich zu drehen.

Er seufzte halbwegs besänftigt. „Na gut. Dann komm schon her, lass uns diesen blöden Tanz hinter uns bringen.“ Die Choreografie nervte sie beide, die sie seit gefühlten Tagen intensiv übten.

Sie nickte und grinste. Sie spürte, wie er sofort bessere Laune bekommen hatte. Der Trick mit dem freien verrückten Tanzen funktionierte immer.

 

„Danke Miky!“ Eine halbe Stunde später stand Thien strahlend vor ihr, während sie total verschwitzt keuchte.

„Schon gut!“ Sie fand es niedlich, wenn er sie Miky nannte. Das hatte er früher in den V-Teams schon getan, als sie sich kennengelernt und das erste Mal zusammen getanzt hatten. Er hatte kaum Englisch gesprochen, war quasi gerade erst hier angekommen und hatte ihren Namen einfach falsch verstanden. Seitdem gab es ihren Spitznamen. Er hatte ihn beibehalten, nannte sie aber nur so, wenn sie unter sich waren und das gab ihr immer ein warmes Gefühl. Sie waren einfach sehr gute Freunde. Vielleicht sollte sie ihm ausnahmsweise mal etwas zu Weihnachten schenken, auch wenn er Weihnachten hasste. Aber vielleicht half ihm das ein positives Gefühl zu Weihnachten zu entwickeln. Sie würde einmal darüber nachdenken.

 

6. Dezember – Sean

„Mom, ich kann NIE Thanksgiving, war ich in den letzten Jahren jemals da?“ Er hüpfte von einem Fuß auf den anderen. Wieso war er bloß auf die bescheuerte Idee gekommen, seine Mutter anzurufen? Nicht, dass er seine Mom nicht liebte, aber sie war einfach wie eine Glucke immer besorgt. „Siehst du, deswegen war ich auch dieses Mal nicht da. Weihnachten komme ich, auch wie immer, und nein, ich bringe niemanden mit.“ Zumindest dachte er nicht daran. Er würde lieber abends verschwinden und irgendwo in einem Klub jemanden aufreißen.

Irgendjemand stupste ihn plötzlich von der Seite an.

„Moment Mom!“

„Wir machen gleich weiter!“, sagte ein Typ, der wohl irgendein wichtigtuender Assistent des Regisseurs war.

Sean nickte kühl. „Mom, ich muss Schluss machen, geht hier weiter!“

 

Nach ihrem typischen Abschiedsdrama legte er auf und betrachtete sich im Spiegel. Was für ein dämliches Kostüm. Eines von mehreren die er heute trug. Er drehte gerade für eine amerikanische Comedysendung ein paar Spots. Die Sendung würde am Samstag vor Heiligabend zur Primetime laufen und er würde zusammen mit Claire der Stargast sein, die aber nicht so bescheuerte Kostüme tragen musste.

Er seufzte und verließ seine Garderobe.

„Du bist wahrlich das schrägste und attraktivste Schnitzel, was mir je untergekommen ist!“ Claire tauchte hinter ihm auf und lachte sich kaputt.

„Seeeeeehr witzig!“

„Zieh das doch mal am Sonntagmorgen an, dann hätten auch deine Mitbewohner und Ana was zu lachen!“

„Noch witziger …“

Es blitzte.

„Heeeeey!“ Er versuchte mit seinem Arm, nach Claire und ihrem Handy zu greifen, da er aber in diesem überdimensionalen Schnitzelkostüm steckte, war das schlicht unmöglich. Stattdessen blieb er in einer Tür stecken, die für sie offengehalten wurde und die zum Studio führte.

Claire kreischte vor Vergnügen.

 

 

Vier Stunden später war der komplette Dreh vorbei, es war spätabends, und sie fuhren gemeinsam nach Hause.

„Das Schnitzel war definitiv am besten! Nicht mal nur dein Kostüm, sondern auch die Szenen dazu mit den anderen“, fasste Claire zusammen. Neben ihnen traten noch die Comedystars der Show auf und einige andere Gäste.

Er nickte müde. „Ja, aber du als Elfe warst auch zu süß und niedlich! Ich habe davon heimlich ein Beweisbild gemacht, falls du das Schnitzelfoto zeigen solltest!“

„Verdammt!“ Sie seufzte theatralisch. „Und ich wollte es doch so gerne posten, bevor es gesendet wird!“

„Vergiss es!“ Sean grinste und betrachtete Claire liebevoll.

„Darf ich es nicht mal den anderen vorher zeigen?“

„Wenn du möchtest, dass deinen süßen Elfenpo jeder zu sehen bekommt, dann schon.“

Claire sah so aus, als würde sie ihn am liebsten umbringen, doch sie verdrehte schließlich nur die Augen. „Meine Rache wird fürchterlich sein!“

„Ist sie das nicht immer?“ Sean grinste. Claire hatte sich seit jeher für alles gerächt, was er angestellt hatte und weil sie schlauer war als er, gewann sie meistens. Doch Sean machte das nichts, er genoss die Zeit mit Claire und sie war neben seiner Mutter eine der wenigen Frauen, nach denen er sich nicht verzehrte.

 

7. Dezember – Charlotte

„Ständig habe ich deine Haare im Gesicht!“, brummte Feo und setze sie ab. Genervt ging er zum Rand, um einen Schluck Wasser zu trinken. Sie hatten heute zwei Stunden alleine Training, wie die meisten Alphapaare es parallel auch hatten. „Echt Charlotte, es gibt einen Grund, warum ALLE ihre langen Haare zurückbinden!“

„Dann sehe ich so blöd aus und jeder sieht meine abstehenden Ohren!“, beschwerte sie sich, während er schon wieder zurück in die Mitte kam. Außerdem wollte sie nicht wie alle anderen aussehen. Sie wollte individuell sein und nicht eine von fünf, nein, mittlerweile sechs Alphafrauen mit zurückgebundenen Haaren rumstehen, auch wenn sie alle vom Look her total unterschiedlich waren.

„Du hast keine abstehenden Ohren!“, beendete Feo ihre Gedankengänge.

„Wie willst du das wissen, wenn du meine Haare im Gesicht hast?“ Sie verschränkte trotzig die Arme.

Er seufzte. „Gutes Argument. Komm her!“ Er hatte sich an die perfekte Position zum Tanzen gestellt und sie näherte sich vorsichtig. Er wirkte so, als würde er etwas planen. Damit hatte sie recht, das Lied begann mit einem Tusch und das Erste, was er tat, war sie zu schnappen, heranzuziehen und sie theatralisch in seinen Arm fallen zu lassen.

Sie hatte keine Zeit, um nachzudenken, sondern reagierte einfach.

Er beugte sich ganz nah über sie und betrachtete sie aufmerksam. Sie spürte seinen Atem und augenblicklich bekam sie eine Gänsehaut. „Du hast wirklich keine abstehenden Ohren!“

Sie wurde leicht rot. „Habe ich wohl, guck genauer hin!“ Sie drehte ihren Kopf leicht.

Das tat er und ließ sie unter einem Juchzer von ihr noch weiter fallen. Sanft strich er eine Strähne hinter ihr Ohr. „Wirklich nicht!“, murmelte er sanft.

„Feo …“ Ihre Stimme brach, aber es rüttelte ihn wach. Beide richteten sich wieder auf.

„Machen wir weiter?“, fragte er ruppig.

Sie nickte.

Sie setzten ihr Training bis zum Ende fort, als wäre nichts gewesen.

 

8. Dezember – Claire

„Claire?“

„Ja?“ Sie drehte sich um und betrachtete Kim, die auf sie zu kam. „Was ist los?“

„Was war das für ein komisches Treffen letzte Woche? Seitdem gehen bei uns die wildesten Gerüchte!“

„Ach ja?“ Claire hob die Augenbraue. Kim, die die weibliche Teamleaderin des Betateams war, spielte auf ein Treffen an, das Tom letzte Woche spontan anberaumt hatte. Er hatte anscheinend testen wollen, wie Beth sich zwischen den schwächeren Betas machte. Sie seufzte. „Ich darf da ehrlich nichts zu sagen!“

„Aber unter uns?“

Claire wog ab. Kim würde nichts verraten, aber sie konnte innerhalb Betas für Ruhe sorgen, was sich meistens dann auch auf das Gammateam übertrug. Sie griff nach Kims Arm und zog sie näher zu sich. „Okay, hör zu. Das MUSS wirklich unter uns beiden bleiben!“

Kim nickte.

„Wir haben voraussichtlich eine neue Kollegin, nämlich Beth, die du gesehen hast. Sie soll Henrys Partnerin werden, aber zwischen den beiden läuft es so ganz und gar nicht. Beth hat anscheinend irgendwie Angst vor ihm und er ist nun einmal …, wie soll ich sagen …“

„Er!“, brummte Kim. „Ich kann es mir vorstellen. Also stimmt das?“

„Ja, aber solange es bei den beiden nicht läuft, ist nichts offiziell und damit ist sie auch noch kein offizieller Teil. Ich weiß nicht, was Tom macht, wenn sie es nicht zusammen hinbekommen. Sie ist wirklich herausragend, aber mit Henry?“ Sie machte eine nach unten zeigende Geste mit dem Daumen.

Kim nickte und sah konzentriert aus. „Woher kommt sie denn?“

„Das wirst du nie glauben!“ Claire begann zu grinsen und flüsterte Kim Beths Geschichte in Kurzform zu.

„Wow! Das ist echt unglaublich. Und wie ist sie so? Also gut war sie, das habe ich gesehen, nur ziemlich verkrampft.“

„Das liegt an Henry, bei uns ist sie lockerer.“

„Ihr habt schon Training mit ihr?“

„Ja, wir fünf. Sie ist wirklich gut und sehr nett.“

Kim nickte wieder. „Immerhin keine Zicke, das ist ein Fortschritt zu Nicole!“

Claire verzog das Gesicht, als sie an Henrys alte Performpartnerin dachte. „Nicole konnte so ein Drachen sein.“

„Ihr mochtet euch nie oder?“

„Nein, sie hatte was gegen Frauen, die auf Frauen stehen!“

Kim verdrehte die Augen. „Das habe ich gar nicht gewusst. Ich fand sie nur immer schrecklich aufgeblasen und nicht kritikfähig.“

„Das ist Henry auch nicht.“

„Aber er macht auch selten Fehler und er ist ein fairer Teamleader. Vielleicht tut Beth ihm ja gut.“

„Wir werden sehen!“ Claire seufzte und sah, wie die Jungs reinkamen. Ihr Blick fiel als erstes auf Henry, der nachdenklich wirkte. Thien wirkte normal, seine schlechte Weihnachtsstimmung war etwas abgeflaut. Feo sah dagegen missmutig aus, sie musste mal Charlotte ausquetschen, was da lief. Ben grinste wie ein Honigkuchenpferd, Dayo war einfach Dayo und Sean schien gute Stimmung zu machen. Ein Geistesblitz traf sie so unvermittelt, dass sie beinahe schwankte. Das legendäre Schnitzelfoto von ihm. Sie wusste, was sie damit anstellen würde …

 

9. Dezember – Feodor

„Es ist mir scheißegal, was ihr vorhabt, aber ich will einfach nur an die Bar!“, grummelte er und sah kurz zu Thien, Dayo und Henry. Sean hatte sich schon abgesetzt. Ben verbrachte den Abend mit seiner Freundin.

Henry brummte als Antwort, anscheinend war er ähnlicher Meinung. Er folgte ihm sofort. Immerhin hatte er seit einigen Tagen nicht mehr ganz so üble Laune wie die letzten Wochen und Monate.

Sie erreichten die Bar und er erkannte aus den Augenwinkeln, wie sich bereits einige nach ihnen umsahen. Feo spürte, wie er genervt wurde.

Ein Barkeeper kam auf sie zu und sah sie erwartungsvoll an. Sie sprachen gleichzeitig: „Wodka!“ „Whiskey!“

Der Barkeeper nickte und machte sich an seine Arbeit.

Feo und Henry sahen sich kurz an.

„So schlimm?“, fragte Henry zuerst.

„Ist es bei dir besser?“

Henry grunzte.

„Kannst du vielleicht dafür sorgen, dass deine weibliche Fangemeinde uns hier in Ruhe lässt?“

Henry drehte sich um und warf einen düsteren Blick um sich, so finster, dass keiner und keine es im Traum wagen würde, näher zu treten.

„Das hast du echt drauf!“

„Ist ganz praktisch.“

Inzwischen standen die Gläser vor ihnen und sie stießen gemeinsam an.

 

Zwei Stunden später saß er noch exakt an derselben Stelle. Henry hatte sich nach einer Weile verzogen, weil einer seiner Freunde aufgetaucht war. Sie hatten bis dahin einfach schweigend nebeneinandergesessen. Dazu war Henry wirklich super, er wusste, wann man schweigen musste. Nun musste er seinen Gedanken alleine nachhängen.

 

Weitere zwei Stunden später hatte er sich immer noch nicht bewegt. Er ignorierte alles und jeden, merkte aber, dass immer mal wieder jemand sich neben ihn gesetzt hatte und mit ihm sprechen wollte, Fremde und Bekannte, Frauen und Männer. Auch den besorgten Blick des Barkeepers hatte er gekonnt nicht beachtet.

„Feo!“ Eine Hand legte sich vertraut auf seine Schulter und er fuhr rum. Charlotte stand neben ihm und sah bezaubernd aus. Sie trug ein verdammt enges, verdammt kurzes silbernes Glitzerkleid. Ihre Haare waren gekonnt frisiert und sie hatte ihre grünen Augen betont. Sie wirkte ein bisschen wie eine wunderschöne Katze.

„Was!“, lallte er und verfiel in einen schweren russischen Akzent.

„Was machst du hier?“

„Mich betrinken!“

„Aber warum?“ Ihr Blick schmerzte ihn, sie wirkte enttäuscht.

„Warum wohl?“, fragte er ruppig.

Sie zuckte, weil er lauter als geplant gesprochen hatte.

„Tut mir leid!“

„Geh einfach nach Hause, aber lass dich bringen!“ Damit verschwand sie in der Menge.

 

Er hatte noch einen Schluck in seinem Glas, den er austrank. Dann stand er auf und spürte, dass er schwankte. Doch er hielt sich aufrecht, schaffte es aus dem Klub und nach Hause in Begleitung seines Bodyguards. Als er das Haus betrat, was er zusammen mit Henry, Sean, Ben und Ana bewohnte, fiel sein Blick auf den Weihnachtsbaum im Eingangsbereich, den Ana hatte schmücken lassen. Er glitzerte silbrig weiß und erinnerte ihn an Charlottes Kleid. Und sofort wurde ihm bewusst, was er sich zu Weihnachten wünschte.

 

10. Dezember – Sean

„Oh what a night …“ Er summte leise, als er die Treppe hinunterhüpfte, und fragte sich, warum ihm ausgerechnet dieser Uraltsong von „The Four Seasons“ in den Sinn kam. Und er kam auch nicht davon los, denn er summte es wieder. Dabei war die Nacht jetzt nicht super spektakulär gewesen. Er dachte kurz an die Kleine von letzter Nacht, die so niedlich geschnurrt hatte. Das durfte er auf keinen Fall Claire gegenüber erwähnen, sie warf ihm oft genug vor, wie sexistisch er war.

Er betrat immer noch pfeifend den Saal und alle stöhnten auf. Diese Reaktionen seiner drei Mitbewohner und seiner Mitbewohnerin erlebte er jeden Sonntag und er fand das geil. Genau so wollte er sie haben, leidend! Und später dann würden sie alle umfallen und mit ihm feiern.

Er liebte es, er liebte den Sonntagmorgen. Er liebte es jedes Wochenende die Party bei ihnen im Haus auszurufen und er liebte es, es jedes Mal wieder zu schaffen, alle herumzubekommen. Und wie locker alle dann waren, selbst Henry, der oft genug einen Stock sonst wo hatte. Hach, es war einfach herrlich. Das fand er fast besser, als die ganzen Partys auf die er ging. Auch nur deswegen fuhr er beinahe jedes Wochenende zum Sonntag zurück, egal in welchem Zustand, egal ob er überhaupt geschlafen hatte.

Heute fühlte er sich beinahe frisch. Er hatte mehr als drei Stunden geschlafen, was am Wochenende für ihn echt ungewöhnlich war, und hatte auch keinen Kater oder Ähnliches. „Oh what a night!“ Er schüttelte sich, bekloppter Ohrwurm.

 

Nachdem er in der Küche sein Frühstück, eine Riesenportion Pancakes, die er sich öfter am Sonntagmorgen gönnte, von Giovanni entgegengenommen hatte, ließ sich seufzend neben Ana fallen. Er beeilte sich und schlang den Berg Pancakes hinunter, doch niemand sagte etwas dazu. Alle kannten es schon oder waren selber nicht besser. Henry las derweil mürrisch Nachrichten auf seinem IPad, Ben schrieb Nachrichten, dem ekeligen Grinsen nach zu urteilen an seine Freundin, und Feo war noch gar nicht da. Aber so wie er gestern ausgesehen hatte, würde er vielleicht auch gar nicht erscheinen.

Doch Sean irrte sich. Zum Erstaunen aller schlurfte Feo fünf Minuten später hinein. Sean wusste nicht, wie er das machte, ob es an seinen russischen Genen lag oder ob er einfach viel abkonnte. Er selbst hätte auf jeden Fall nicht so hier auftauchen können.

 

Feo setzte sich und Sean wartete noch ein paar Minuten, bis er aufstand und fröhlich summend zur Anlage ging. Wieder stöhnten alle. Das war die wahre Musik in seinen Ohren und machte seine Laune nur besser.

Zehn Minuten später hatte er Ana und Ben. Weitere fünf Minuten später stand Feo einfach auf und machte mit, auch wenn er etwas leidend aussah. Dann folgte Henry, der irgendwann genervt sein IPad zur Seite legte und ebenfalls lossang.

 

Sean jubelte, er hatte sie wieder alle bekommen. Auch wenn das eigentlich immer klappte, feierte er trotzdem jedes Mal wie ein König. Schnell wechselte er auf seine offizielle Partyplaylist und sie sangen alle gemeinsam in voller Lautstärke zu „YMCA“.

Plötzlich unterbrach die CD, doch bevor Sean das Problem herausfinden konnte, ging neue Musik an und sein Kopf ruckte zur Tür. Alle sechs aus dem anderen Haus tauchten auf. Als letzte Claire, die unglaublich strahlte. Sean erkannte sofort warum, sie trug ein Plakat, auf dem er als Schnitzel verkleidet vor ihr lief und sich gerade zu ihr umgedreht hatte – der verdammte Dreh vom Mittwoch. Dann erkannte er das Lied: Der Schnitzel-Song, den die Sechs jetzt in Endlosschleife mehrstimmig sangen und das mit voller Begeisterung.

„Oh what a day“ … Sofort kam ihm diese Zeile in den Sinn.

Wer den Schnitzel-Song aus dem Film „Die Rotkäppchen-Verschwörung“ nicht kennt, der MUSS sich das unbedingt HIER anschauen! Viel Vergnügen damit 😉

 

11. Dezember – Charlotte

Drei Stunden hatten sie so getan, als wäre nichts gewesen. Als wäre alles wie immer. Doch Charlotte wunderte das nicht, denn so war es meistens. Einer von ihnen hatte einen Gefühlsanfall und danach lief alles weiter wie bisher. Sie erstaunte nur, dass Feo so fit war nach seinem Absturz am Samstag. Man merkte ihm fast nichts an, wenn er nicht einfach etwas geräuschempfindlicher gewesen wäre und öfter als sonst die Stirn in Falten zog. Nicht mal gestern Vormittag, als sie in einer wilden Aktion von Claire angestiftet, Seans Sonntagmorgenbelustigung gestürmt hatten – bei dem Gedanken an das Bild von Sean als Schnitzel musste sie immer noch lachen – hatte er sich verzogen. Im Gegenteil, selbst er hatte sich über das Schnitzelbild amüsiert, wenn auch nicht so wie sonst.

Als sie endlich endeten, sie hatten nur das Notwendigste miteinander besprochen, atmete Feo durch.

„Feo?“

Er sah auf und sie fragend an.

„Ist alles in Ordnung?“

Er hob die Augenbraue. „Natürlich!“

Er log, das erkannte Charlotte sofort, normalerweise dachte er immer eine kurze Sekunde nach, jetzt hatte er sofort geantwortet.

„Du lügst!“

Seine Stirn runzelte sich noch mehr. „Im Sinne der Sache ist alles in Ordnung.“

„Ich bin mir nicht sicher, ob diese Sache noch so in Ordnung ist!“, murmelte sie, aber er hatte es gehört.

„Charlotte, wir hatten ausgemacht, dass jeder sein Leben lebt. Du triffst dich mit anderen und ich treffe mich mit anderen. So haben wir es besprochen und du weißt genau, dass es nicht funktioniert, wenn wir mehr zulassen. Es würde eine Katastrophe werden. Unsere Familien würden ausrasten, es würde unendlich viele Schlagzeilen geben und von unserem Job ablenken, was wiederum UCoP nicht besonders lustig finden würde. Wir wissen doch, dass UCoP zwar Beziehungen toleriert, aber nur, wenn dadurch keine Krisen ausgelöst werden. Und unsere Beziehung wäre definitiv eine.“

Er hatte recht, sie wussten es beide. Genau darum hatten sie nie etwas miteinander angefangen, bis auf das eine Mal an Weihnachten vor ein paar Jahren, wo sie beide in London feststeckten, weil das Wetter so schlecht war, dass sie nicht wegfliegen konnten wie geplant und Charlotte schließlich in Feos Londoner Haus übernachtet hatte, weil es näher am Flughafen lag. Seitdem konnte sie „Last Christmas“ nicht mehr neutral hören, weil sie immer ihre Variante vor Augen hatte. Sie hatte irgendwann sogar mal aus Frust einen neuen Text dazu geschrieben, der ihre Geschichte erzählte, aber nie irgendwem gezeigt. Sie seufzte. „Ich weiß!“ Sie betrachteten kurz einander.

„Irgendwann …“, murmelte er.

„Ja irgendwann.“ Sie sah weg.

„Wenn wir irgendwann nicht mehr performen, wenn es egal ist, was wir tun. Dann …“

Sie wollte ihn immer noch nicht ansehen. „Ja dann!“ Sie stand auf, packte ihre Sachen und verschwand zum Frauentraining.

 

12. Dezember