#Alphaadvent 2017

24 Tage bis Weihnachten, 24 Tage mit dem Alphateam, 24 Kurzgeschichten.

Diese Kurzgeschichten spielen während derselben Zeit wie das Buch „Alpha One“, wo über Beths erstes Weihnachten bei UCoP nichts erzählt wird. Sie lassen sich auch unabhängig und ohne Vorkenntnisse zum Buch lesen.

Ich wünsche Euch ganz viel Spaß und eine schöne Vorweihnachtszeit!

 

 

1. Dezember – Beth

Wie seit Wochen lag ein Tag voller Training vor ihr, wie sie es nicht anders kannte, seitdem sie bei UCoP, der United Confederation of Performance, war. Nachdem sie das Training mit Henry und Tom irgendwie überlebt hatte, wartete sie darauf, dass Tom zurückkam. Er war mal wieder kurz nach draußen verschwunden, um zu telefonieren. Henry hatte inzwischen samt seiner Sachen den Saal verlassen, anscheinend hatte er es heute eilig. Doch ihr war es egal, sie atmete durch, als sich die Tür hinter ihm schloss und sie kurz die Augen zumachte, um einen Augenblick zu entspannen.

„BETH!“

Sie zuckte zusammen, als sie die Augen öffnete und Tom mit verschränkten Armen vor ihr stand.

„Du bist eingeschlafen!“

„Sorry!“ Schnell stand sie auf und dehnte sich kurz, bevor sie sich auf den Weg in die Mitte machte. Tom betrachtete sie skeptisch, sagte aber nichts weiter und begann stattdessen mit seinem Training.

Er quälte sie wie immer zwei Stunden und versuchte ihr alles beizubringen, damit sie ein Teil von Alpha werden konnte. Alpha, das Leadteam UCoPs, das Team mit den Superstars. Sie sollte ein Teil von diesen werden, so sah es zumindest aus. Sie würde damit neben den anderen Frauen Ana, Charlotte, Minkah, Rani und Claire, die sechste Frau im Team sein. Sechs Männer gab es bereits, neben Henry, dem Alpha One, komplettieren Ben, Sean, Feo, Dayo und Thien das Team. Die Zahl 12 wirkte auch viel schöner. 11 war schon immer irgendwie krumm gewesen, doch Beth hätte nie gedacht, dass sie die zwölfte Person werden würde, denn bis Anfang des Jahres hatte sie mit professionellem Performen, also Gesang und Tanz auf höchstem Niveau, nichts zu tun gehabt.

„Beth!“

Sie zuckte wieder zusammen, anscheinend hatte sie geträumt. Tom, der CEO UCoPs und Cheftrainer, der momentan auch noch ihr persönlicher Trainer war, hatte eine Augenbraue angehoben. „Tut mir leid, ich war in Gedanken!“

„Das war nicht zu übersehen. Wir sind fertig.“

Sie nickte und ging zu ihren Sachen, wo sie sich erschöpft niederließ und erst mal eine halbe Flasche Wasser herunterkippte.

Sie bemerkte einen Schatten auf sich und blickte hoch. Tom kam mit seinen Sachen zu ihr und hockte sich neben sie, um sie zu betrachten. Sie stockte, denn das tat er sonst nie. „Du bist ziemlich erschöpft und müde, das bemerkt man beim Tanzen“, begann er.

Jetzt hob sie die Augenbraue und wartete ab.

„In dreieinhalb Wochen ist Weihnachten, möchtest du ein paar freie Tage haben und nach Hause fahren?“

Ihr entglitten alle Gesichtszüge. „Auf keinen Fall!“

„Was?“ Toms Stirn kräuselte sich, anscheinend hatte er mit dieser Antwort nicht gerechnet.

Beth räusperte sich. „Du meinst es bestimmt nett, aber ich will nicht nach Hause! Ich will überhaupt nicht weg!“ Angst erfasste sie. Weihnachten bei ihren Eltern zu verbringen, war etwas, was sie aus verschiedenen Gründen nicht haben musste. Weihnachten war das Fest, was sie nicht leiden konnte. Umso mehr Normalität sie haben konnte umso besser. Und wenn sie allein an die Gründe dachte, warum das so war, wurde ihr schlecht.

„Okay! Aber einen zusätzlichen Tag bekommst du frei, keine Widerrede. Du ruhst dich aus!“

Sie nickte und er verschwand.

 

2. Dezember – Ana

„Pass doch auf!“, zischte sie, als ihre Assistentin Olena sie anrempelte. Ana hatte sich gerade über die Auslagen gebeugt, als Olena in sie hineinlief. Der Grund war offensichtlich, Olena hatte ihr Telefon in der Hand.

„Tschuldigung!“, murmelte diese, aber konnte den Blick nicht vom Telefon lassen.

Ana drehte sich endgültig um und da sie ein ganzes Stück größer war, starrte sie ebenfalls von oben auf Olenas Telefon. „Was ist das?“

„Hmm?“ Olena zuckte zusammen, als würde sie erst jetzt den Umstand realisieren. „Das ist der Arbeitsplan für Weihnachten!“ Sie lief rot an.

„Und der nimmt dich so ein?“

„Ääähm, ja, also … ich wollte vielleicht nach Hause fahren …“

„Ja, und?“

„Du musst arbeiten!“

„Ja, ich habe nur zwei zusätzliche Tage frei“, antwortete Ana irritiert. Heiligabend lag auf einem Sonntag, den sie normalerweise eh frei hatte, dann gab es dieses Jahr noch den 25. und 26. Dezember dazu. Mehr nicht. Aber das war nicht unüblich. Training endete einfach nicht, dieses Jahr sowieso nicht bei den neuen Umständen. „Oh guck mal, das muss mit!“ Sie wurde abgelenkt. Ein schlichtes Armband mit kleinen Glitzersternen schob sich in ihr Blickfeld und brachte sie total raus.

Die Verkäuferin, die hinter ihnen herlief, lächelte und nahm das Armband raus und reichte es Ana.

„Definitiv! Es passt zum Kleid.“ Sie gab es zurück und die Verkäuferin legte es kommentarlos zur Seite. Dann fiel ihr Olena wieder ein. „Also, wann wolltest du fahren?“

„Bis Neujahr! Ich habe gedacht, weil ja keine Season ist, dass ihr auch frei habt.“

„Haben wir nicht, aber du kannst fahren.“

„Echt?“ Olena sah erstaunt auf.

Ana konnte das verstehen, sie war nicht unbedingt freigiebig, was zusätzliche freie Tage anbelangte, denn Olena war einfach zu wichtig für sie. „Ja, wenn du willst. Ich komme schon irgendwie klar!“ Ana seufzte leise. Sie hasste es, wenn Olena nicht da war, aber irgendwie schienen ihr die paar Tage angebracht und sie hatte sich Urlaub verdient.

Olena strahlte und das machte es Ana gleich leichter. „Danke Ana, du bist die Beste!“

Ana seufzte erneut, dieses Mal laut.

 

3. Dezember – Thien

Müde schlurfte er nach unten zum Frühstück. Er hatte Pech, seine vier Mitbewohnerinnen waren alle schon da und schnatterten so laut, dass er am liebsten wieder umgedreht wäre. Doch der Hunger überwältigte ihn. Er sollte sich wirklich einen Essensvorrat in seiner Wohnung anlegen, wie Dayo das tat. Aber andererseits wusste er auch, dass dieser nie lange halten würde. Essen musste gegessen werden, wenn es in seiner Reichweite war.

„Morgen!“, rief er, als er den Raum betrat, und sah zu, dass er in die Küche verschwand, wo Giovanni ihn schon erwartete.

„Ah Thüüüäääääään, viel Essen wie immer?“ Er strahlte und Thien grinste innerlich darüber, dass er es auch noch nach so viel Zeit nicht hinbekam, seinen Namen richtig auszusprechen.

„Ja, danke! Und viel Kaffee, sonst halte ich das Geschnatter nicht aus!“

Giovanni lachte laut und machte sich ans Werk.

 

Die erste Tasse Kaffee hatte er bereits intus, als er sich samt Frühstück wieder rauswagte.

Das Geschnatter hatte sich nicht gelichtet, im Gegenteil. Still setzte er sich an den Rand und konzentrierte sich auf sein Essen.

„Thien, was meinst du? Den Weihnachtsbaum ganz in Gold oder eher mit bunten Elementen? Die anderen machen ihn laut Ana angeblich in weiß und winterlich!“ Charlotte sah ihn erwartungsvoll an.

„Vermutlich wie immer mit jede Menge Glitzer, so wie man Ana kennt!“ Rani kicherte und die anderen kicherten mit.

Thien hob genervt den Kopf. „Mir egal, von mir aus brauchen wir keinen Baum!“

„Ach Thien, sei kein Spielverderber, der Baum sorgt für viel mehr Atmosphäre!“

„Du bist doch gar keine Christin, wieso interessiert dich Weihnachten überhaupt?“, fragte er Charlotte im Gegenzug. Genau wie er im Übrigen, mit Weihnachten hatte er nichts zu tun.

„Tzz, es ist eben ein schönes Fest und der Grundgedanke der Liebe ist es, der mir gefällt!“

Thien verdrehte nur die Augen und wandte sich wieder seinem Essen zu. Weihnachten, das Fest der Liebe und Familie. Allein bei dem Gedanken wurde ihm schlecht.

 

4. Dezember – Ben

„Was hat Thien denn?“ Ben beäugte Thien, der missmutig schien.

„Keine Ahnung, war er schon gestern!“, antwortete Dayo, der mit Thien in einem Haus wohnte.

„Weihnachten!“, brummte Henry von der Seite mit verschränkten Armen. Er beobachtete nebenbei die Betas und Gammas, also die beiden Teams, die vom Rang unter Alpha lagen und deren Chef Henry genauso war, wie von ihnen.

„Ach stimmt, da hatte er ja ein Problem mit!“ Ben wusste es wieder. Thien hatte eine schwierige Kindheitsgeschichte und war deswegen bei allem, was mit Familienfeiern zu tun hatte, empfindlich.

„Was machst du denn an Weihnachten?“, fragte Dayo ihn.

„Ich jette kurz in die Schweizer Berge und verlebe richtig kitschige Familienweihnachten.“ Ben grinste.

„Erzähl das nicht den Mädels, die wollen alle mit!“ Dayo grinste auch.

„Ach, meine Liebste nehme ich mit.“

„So ernst inzwischen?“

Ben grinste breit. Es war schon ziemlich ernst, sie waren inzwischen über ein halbes Jahr zusammen und er konnte es nicht fassen, wie eng es wurde. Da fiel ihm ein, dass er auch unbedingt ein Geschenk brauchte. „Jemand ne Idee für ein Geschenk für SIE?“

„Du hast genug Kohle, kauf ihr irgendwas, was sie mag. Schuhe, Klamotten, ne Louis Vuitton Handtasche, Schmuck … Ernsthaft, da findet man doch genug!“ Sean verdrehte die Augen.

„Ja, aber ich will ihr ja nicht irgendwas schenken!“

„Oh Gott, sie wird sich schon freuen! Mach dir nicht so einen Kopf … Oder willst du sie etwa heiraten?“

Plötzlich drehten sich alle drei Köpfe seiner Kollegen um, selbst Henry musterte ihn aufmerksam.

„Das habe ich nicht gesagt, das wäre auch wohl etwas früh.“

„Definitiv!“, brummte Henry. „Du bist 20.“

Ben verdrehte die Augen. „Du tust so, als ob du jetzt wahnsinnig viel älter wärest.“

„Ben …!“ Sean seufzte. „… Jetzt hast du das Unheil heraufbeschworen!“

Henry drehte sich derweil zu Ben um. „Ich BIN älter und in meiner Position so viel länger, dass du noch beinahe Windeln gebraucht hast, als ich zu UCoP ging. Und in den vier Jahren Altersunterschied kann man unendlich viele Frauen haben. Glaube mir, du bist zu jung, schau dich lieber um!“

Alle seufzten, diese Art der Rede hatte jeder von ihnen schon einmal gehört. Henry wurde es nicht leid zu betonen, wie viel länger er als alle anderen bei UCoP war. Immerhin hatte er nicht mehr so eine miese Laune wie noch vor Wochen, was allein daran lag, dass auch der große Henry mal einen Dämpfer bekommen hatte, indem Tom, ihr Chef, ihm eine neue Partnerin vor die Nase gesetzt hatte. Innerlich fand Ben das immer noch witzig und Beth schien nett zu sein, im Gegensatz zu Henry.

„Du schaust dich genug um!“, brummte Ben als Antwort.

Henry grinste.

 

5. Dezember – Minkah

„Boah Thien, nun komm mal wieder runter! Es ist nur Weihnachten!“

Thien grunzte. „Du könntest dich auch einfach mal konzentrieren, anstatt an bunte Kugeln und affige bunte Lampen zu denken!“

„Ich denke nicht an bunte Kugeln und bunte Lampen, ich denke darüber nach, ob wir Lametta in den Baum hängen oder nicht. Ist das gerade Mode?“ Sie sah Thiens Gesichtsausdruck und ruderte zurück. „Vergiss es einfach, woher solltest du das auch schon wissen.“

Er brummte. „Richtig! Können wir jetzt BITTE weitermachen. Ich habe einfach keine Lust, auch noch bei unserem Paartraining ständig an Weihnachten erinnert zu werden. Mich nervt schon der blöde Baum hier im Foyer des Trainingskomplexes.“

„Tut mir leid, ich vergesse immer, dass du bei Familienfesten empfindlich bist.“ Ihre Stimme wurde sanft und mitfühlend. Thien hatte eine schwere Kindheit hinter sich. Seine Familie war quasi nicht existent, wenn man von ein paar Pflegeeltern absah, die man allesamt vergessen konnte. Aber er hatte auch noch einige entfernte Cousins, mit denen er sich gut verstand. Sie legte ihre Hand auf seinen Arm. „Komm, wir tanzen noch mal und wenn es dich aufheitert, machen wir auch noch eine Runde irgendwas Verrücktes.“ Thien liebte verrückte Tanzsachen, bei denen er etwas aufdrehen konnte, und er liebte seine coolen Moves, bei denen ihr immer etwas schwindelig wurde. Einmal hatte sie sogar kotzen müssen, weil er einfach nicht aufhörte sie und sich zu drehen.

Er seufzte halbwegs besänftigt. „Na gut. Dann komm schon her, lass uns diesen blöden Tanz hinter uns bringen.“ Die Choreografie nervte sie beide, die sie seit gefühlten Tagen intensiv übten.

Sie nickte und grinste. Sie spürte, wie er sofort bessere Laune bekommen hatte. Der Trick mit dem freien verrückten Tanzen funktionierte immer.

 

„Danke Miky!“ Eine halbe Stunde später stand Thien strahlend vor ihr, während sie total verschwitzt keuchte.

„Schon gut!“ Sie fand es niedlich, wenn er sie Miky nannte. Das hatte er früher in den V-Teams schon getan, als sie sich kennengelernt und das erste Mal zusammen getanzt hatten. Er hatte kaum Englisch gesprochen, war quasi gerade erst hier angekommen und hatte ihren Namen einfach falsch verstanden. Seitdem gab es ihren Spitznamen. Er hatte ihn beibehalten, nannte sie aber nur so, wenn sie unter sich waren und das gab ihr immer ein warmes Gefühl. Sie waren einfach sehr gute Freunde. Vielleicht sollte sie ihm ausnahmsweise mal etwas zu Weihnachten schenken, auch wenn er Weihnachten hasste. Aber vielleicht half ihm das ein positives Gefühl zu Weihnachten zu entwickeln. Sie würde einmal darüber nachdenken.

 

6. Dezember – Sean

„Mom, ich kann NIE Thanksgiving, war ich in den letzten Jahren jemals da?“ Er hüpfte von einem Fuß auf den anderen. Wieso war er bloß auf die bescheuerte Idee gekommen, seine Mutter anzurufen? Nicht, dass er seine Mom nicht liebte, aber sie war einfach wie eine Glucke immer besorgt. „Siehst du, deswegen war ich auch dieses Mal nicht da. Weihnachten komme ich, auch wie immer, und nein, ich bringe niemanden mit.“ Zumindest dachte er nicht daran. Er würde lieber abends verschwinden und irgendwo in einem Klub jemanden aufreißen.

Irgendjemand stupste ihn plötzlich von der Seite an.

„Moment Mom!“

„Wir machen gleich weiter!“, sagte ein Typ, der wohl irgendein wichtigtuender Assistent des Regisseurs war.

Sean nickte kühl. „Mom, ich muss Schluss machen, geht hier weiter!“

 

Nach ihrem typischen Abschiedsdrama legte er auf und betrachtete sich im Spiegel. Was für ein dämliches Kostüm. Eines von mehreren die er heute trug. Er drehte gerade für eine amerikanische Comedysendung ein paar Spots. Die Sendung würde am Samstag vor Heiligabend zur Primetime laufen und er würde zusammen mit Claire der Stargast sein, die aber nicht so bescheuerte Kostüme tragen musste.

Er seufzte und verließ seine Garderobe.

„Du bist wahrlich das schrägste und attraktivste Schnitzel, was mir je untergekommen ist!“ Claire tauchte hinter ihm auf und lachte sich kaputt.

„Seeeeeehr witzig!“

„Zieh das doch mal am Sonntagmorgen an, dann hätten auch deine Mitbewohner und Ana was zu lachen!“

„Noch witziger …“

Es blitzte.

„Heeeeey!“ Er versuchte mit seinem Arm, nach Claire und ihrem Handy zu greifen, da er aber in diesem überdimensionalen Schnitzelkostüm steckte, war das schlicht unmöglich. Stattdessen blieb er in einer Tür stecken, die für sie offengehalten wurde und die zum Studio führte.

Claire kreischte vor Vergnügen.

 

 

Vier Stunden später war der komplette Dreh vorbei, es war spätabends, und sie fuhren gemeinsam nach Hause.

„Das Schnitzel war definitiv am besten! Nicht mal nur dein Kostüm, sondern auch die Szenen dazu mit den anderen“, fasste Claire zusammen. Neben ihnen traten noch die Comedystars der Show auf und einige andere Gäste.

Er nickte müde. „Ja, aber du als Elfe warst auch zu süß und niedlich! Ich habe davon heimlich ein Beweisbild gemacht, falls du das Schnitzelfoto zeigen solltest!“

„Verdammt!“ Sie seufzte theatralisch. „Und ich wollte es doch so gerne posten, bevor es gesendet wird!“

„Vergiss es!“ Sean grinste und betrachtete Claire liebevoll.

„Darf ich es nicht mal den anderen vorher zeigen?“

„Wenn du möchtest, dass deinen süßen Elfenpo jeder zu sehen bekommt, dann schon.“

Claire sah so aus, als würde sie ihn am liebsten umbringen, doch sie verdrehte schließlich nur die Augen. „Meine Rache wird fürchterlich sein!“

„Ist sie das nicht immer?“ Sean grinste. Claire hatte sich seit jeher für alles gerächt, was er angestellt hatte und weil sie schlauer war als er, gewann sie meistens. Doch Sean machte das nichts, er genoss die Zeit mit Claire und sie war neben seiner Mutter eine der wenigen Frauen, nach denen er sich nicht verzehrte.

 

7. Dezember – Charlotte

„Ständig habe ich deine Haare im Gesicht!“, brummte Feo und setze sie ab. Genervt ging er zum Rand, um einen Schluck Wasser zu trinken. Sie hatten heute zwei Stunden alleine Training, wie die meisten Alphapaare es parallel auch hatten. „Echt Charlotte, es gibt einen Grund, warum ALLE ihre langen Haare zurückbinden!“

„Dann sehe ich so blöd aus und jeder sieht meine abstehenden Ohren!“, beschwerte sie sich, während er schon wieder zurück in die Mitte kam. Außerdem wollte sie nicht wie alle anderen aussehen. Sie wollte individuell sein und nicht eine von fünf, nein, mittlerweile sechs Alphafrauen mit zurückgebundenen Haaren rumstehen, auch wenn sie alle vom Look her total unterschiedlich waren.

„Du hast keine abstehenden Ohren!“, beendete Feo ihre Gedankengänge.

„Wie willst du das wissen, wenn du meine Haare im Gesicht hast?“ Sie verschränkte trotzig die Arme.

Er seufzte. „Gutes Argument. Komm her!“ Er hatte sich an die perfekte Position zum Tanzen gestellt und sie näherte sich vorsichtig. Er wirkte so, als würde er etwas planen. Damit hatte sie recht, das Lied begann mit einem Tusch und das Erste, was er tat, war sie zu schnappen, heranzuziehen und sie theatralisch in seinen Arm fallen zu lassen.

Sie hatte keine Zeit, um nachzudenken, sondern reagierte einfach.

Er beugte sich ganz nah über sie und betrachtete sie aufmerksam. Sie spürte seinen Atem und augenblicklich bekam sie eine Gänsehaut. „Du hast wirklich keine abstehenden Ohren!“

Sie wurde leicht rot. „Habe ich wohl, guck genauer hin!“ Sie drehte ihren Kopf leicht.

Das tat er und ließ sie unter einem Juchzer von ihr noch weiter fallen. Sanft strich er eine Strähne hinter ihr Ohr. „Wirklich nicht!“, murmelte er sanft.

„Feo …“ Ihre Stimme brach, aber es rüttelte ihn wach. Beide richteten sich wieder auf.

„Machen wir weiter?“, fragte er ruppig.

Sie nickte.

Sie setzten ihr Training bis zum Ende fort, als wäre nichts gewesen.

 

8. Dezember – Claire

„Claire?“

„Ja?“ Sie drehte sich um und betrachtete Kim, die auf sie zu kam. „Was ist los?“

„Was war das für ein komisches Treffen letzte Woche? Seitdem gehen bei uns die wildesten Gerüchte!“

„Ach ja?“ Claire hob die Augenbraue. Kim, die die weibliche Teamleaderin des Betateams war, spielte auf ein Treffen an, das Tom letzte Woche spontan anberaumt hatte. Er hatte anscheinend testen wollen, wie Beth sich zwischen den schwächeren Betas machte. Sie seufzte. „Ich darf da ehrlich nichts zu sagen!“

„Aber unter uns?“

Claire wog ab. Kim würde nichts verraten, aber sie konnte innerhalb Betas für Ruhe sorgen, was sich meistens dann auch auf das Gammateam übertrug. Sie griff nach Kims Arm und zog sie näher zu sich. „Okay, hör zu. Das MUSS wirklich unter uns beiden bleiben!“

Kim nickte.

„Wir haben voraussichtlich eine neue Kollegin, nämlich Beth, die du gesehen hast. Sie soll Henrys Partnerin werden, aber zwischen den beiden läuft es so ganz und gar nicht. Beth hat anscheinend irgendwie Angst vor ihm und er ist nun einmal …, wie soll ich sagen …“

„Er!“, brummte Kim. „Ich kann es mir vorstellen. Also stimmt das?“

„Ja, aber solange es bei den beiden nicht läuft, ist nichts offiziell und damit ist sie auch noch kein offizieller Teil. Ich weiß nicht, was Tom macht, wenn sie es nicht zusammen hinbekommen. Sie ist wirklich herausragend, aber mit Henry?“ Sie machte eine nach unten zeigende Geste mit dem Daumen.

Kim nickte und sah konzentriert aus. „Woher kommt sie denn?“

„Das wirst du nie glauben!“ Claire begann zu grinsen und flüsterte Kim Beths Geschichte in Kurzform zu.

„Wow! Das ist echt unglaublich. Und wie ist sie so? Also gut war sie, das habe ich gesehen, nur ziemlich verkrampft.“

„Das liegt an Henry, bei uns ist sie lockerer.“

„Ihr habt schon Training mit ihr?“

„Ja, wir fünf. Sie ist wirklich gut und sehr nett.“

Kim nickte wieder. „Immerhin keine Zicke, das ist ein Fortschritt zu Nicole!“

Claire verzog das Gesicht, als sie an Henrys alte Performpartnerin dachte. „Nicole konnte so ein Drachen sein.“

„Ihr mochtet euch nie oder?“

„Nein, sie hatte was gegen Frauen, die auf Frauen stehen!“

Kim verdrehte die Augen. „Das habe ich gar nicht gewusst. Ich fand sie nur immer schrecklich aufgeblasen und nicht kritikfähig.“

„Das ist Henry auch nicht.“

„Aber er macht auch selten Fehler und er ist ein fairer Teamleader. Vielleicht tut Beth ihm ja gut.“

„Wir werden sehen!“ Claire seufzte und sah, wie die Jungs reinkamen. Ihr Blick fiel als erstes auf Henry, der nachdenklich wirkte. Thien wirkte normal, seine schlechte Weihnachtsstimmung war etwas abgeflaut. Feo sah dagegen missmutig aus, sie musste mal Charlotte ausquetschen, was da lief. Ben grinste wie ein Honigkuchenpferd, Dayo war einfach Dayo und Sean schien gute Stimmung zu machen. Ein Geistesblitz traf sie so unvermittelt, dass sie beinahe schwankte. Das legendäre Schnitzelfoto von ihm. Sie wusste, was sie damit anstellen würde …

 

9. Dezember – Feodor

„Es ist mir scheißegal, was ihr vorhabt, aber ich will einfach nur an die Bar!“, grummelte er und sah kurz zu Thien, Dayo und Henry. Sean hatte sich schon abgesetzt. Ben verbrachte den Abend mit seiner Freundin.

Henry brummte als Antwort, anscheinend war er ähnlicher Meinung. Er folgte ihm sofort. Immerhin hatte er seit einigen Tagen nicht mehr ganz so üble Laune wie die letzten Wochen und Monate.

Sie erreichten die Bar und er erkannte aus den Augenwinkeln, wie sich bereits einige nach ihnen umsahen. Feo spürte, wie er genervt wurde.

Ein Barkeeper kam auf sie zu und sah sie erwartungsvoll an. Sie sprachen gleichzeitig: „Wodka!“ „Whiskey!“

Der Barkeeper nickte und machte sich an seine Arbeit.

Feo und Henry sahen sich kurz an.

„So schlimm?“, fragte Henry zuerst.

„Ist es bei dir besser?“

Henry grunzte.

„Kannst du vielleicht dafür sorgen, dass deine weibliche Fangemeinde uns hier in Ruhe lässt?“

Henry drehte sich um und warf einen düsteren Blick um sich, so finster, dass keiner und keine es im Traum wagen würde, näher zu treten.

„Das hast du echt drauf!“

„Ist ganz praktisch.“

Inzwischen standen die Gläser vor ihnen und sie stießen gemeinsam an.

 

Zwei Stunden später saß er noch exakt an derselben Stelle. Henry hatte sich nach einer Weile verzogen, weil einer seiner Freunde aufgetaucht war. Sie hatten bis dahin einfach schweigend nebeneinandergesessen. Dazu war Henry wirklich super, er wusste, wann man schweigen musste. Nun musste er seinen Gedanken alleine nachhängen.

 

Weitere zwei Stunden später hatte er sich immer noch nicht bewegt. Er ignorierte alles und jeden, merkte aber, dass immer mal wieder jemand sich neben ihn gesetzt hatte und mit ihm sprechen wollte, Fremde und Bekannte, Frauen und Männer. Auch den besorgten Blick des Barkeepers hatte er gekonnt nicht beachtet.

„Feo!“ Eine Hand legte sich vertraut auf seine Schulter und er fuhr rum. Charlotte stand neben ihm und sah bezaubernd aus. Sie trug ein verdammt enges, verdammt kurzes silbernes Glitzerkleid. Ihre Haare waren gekonnt frisiert und sie hatte ihre grünen Augen betont. Sie wirkte ein bisschen wie eine wunderschöne Katze.

„Was!“, lallte er und verfiel in einen schweren russischen Akzent.

„Was machst du hier?“

„Mich betrinken!“

„Aber warum?“ Ihr Blick schmerzte ihn, sie wirkte enttäuscht.

„Warum wohl?“, fragte er ruppig.

Sie zuckte, weil er lauter als geplant gesprochen hatte.

„Tut mir leid!“

„Geh einfach nach Hause, aber lass dich bringen!“ Damit verschwand sie in der Menge.

 

Er hatte noch einen Schluck in seinem Glas, den er austrank. Dann stand er auf und spürte, dass er schwankte. Doch er hielt sich aufrecht, schaffte es aus dem Klub und nach Hause in Begleitung seines Bodyguards. Als er das Haus betrat, was er zusammen mit Henry, Sean, Ben und Ana bewohnte, fiel sein Blick auf den Weihnachtsbaum im Eingangsbereich, den Ana hatte schmücken lassen. Er glitzerte silbrig weiß und erinnerte ihn an Charlottes Kleid. Und sofort wurde ihm bewusst, was er sich zu Weihnachten wünschte.

 

10. Dezember – Sean

„Oh what a night …“ Er summte leise, als er die Treppe hinunterhüpfte, und fragte sich, warum ihm ausgerechnet dieser Uraltsong von „The Four Seasons“ in den Sinn kam. Und er kam auch nicht davon los, denn er summte es wieder. Dabei war die Nacht jetzt nicht super spektakulär gewesen. Er dachte kurz an die Kleine von letzter Nacht, die so niedlich geschnurrt hatte. Das durfte er auf keinen Fall Claire gegenüber erwähnen, sie warf ihm oft genug vor, wie sexistisch er war.

Er betrat immer noch pfeifend den Saal und alle stöhnten auf. Diese Reaktionen seiner drei Mitbewohner und seiner Mitbewohnerin erlebte er jeden Sonntag und er fand das geil. Genau so wollte er sie haben, leidend! Und später dann würden sie alle umfallen und mit ihm feiern.

Er liebte es, er liebte den Sonntagmorgen. Er liebte es jedes Wochenende die Party bei ihnen im Haus auszurufen und er liebte es, es jedes Mal wieder zu schaffen, alle herumzubekommen. Und wie locker alle dann waren, selbst Henry, der oft genug einen Stock sonst wo hatte. Hach, es war einfach herrlich. Das fand er fast besser, als die ganzen Partys auf die er ging. Auch nur deswegen fuhr er beinahe jedes Wochenende zum Sonntag zurück, egal in welchem Zustand, egal ob er überhaupt geschlafen hatte.

Heute fühlte er sich beinahe frisch. Er hatte mehr als drei Stunden geschlafen, was am Wochenende für ihn echt ungewöhnlich war, und hatte auch keinen Kater oder Ähnliches. „Oh what a night!“ Er schüttelte sich, bekloppter Ohrwurm.

 

Nachdem er in der Küche sein Frühstück, eine Riesenportion Pancakes, die er sich öfter am Sonntagmorgen gönnte, von Giovanni entgegengenommen hatte, ließ sich seufzend neben Ana fallen. Er beeilte sich und schlang den Berg Pancakes hinunter, doch niemand sagte etwas dazu. Alle kannten es schon oder waren selber nicht besser. Henry las derweil mürrisch Nachrichten auf seinem IPad, Ben schrieb Nachrichten, dem ekeligen Grinsen nach zu urteilen an seine Freundin, und Feo war noch gar nicht da. Aber so wie er gestern ausgesehen hatte, würde er vielleicht auch gar nicht erscheinen.

Doch Sean irrte sich. Zum Erstaunen aller schlurfte Feo fünf Minuten später hinein. Sean wusste nicht, wie er das machte, ob es an seinen russischen Genen lag oder ob er einfach viel abkonnte. Er selbst hätte auf jeden Fall nicht so hier auftauchen können.

 

Feo setzte sich und Sean wartete noch ein paar Minuten, bis er aufstand und fröhlich summend zur Anlage ging. Wieder stöhnten alle. Das war die wahre Musik in seinen Ohren und machte seine Laune nur besser.

Zehn Minuten später hatte er Ana und Ben. Weitere fünf Minuten später stand Feo einfach auf und machte mit, auch wenn er etwas leidend aussah. Dann folgte Henry, der irgendwann genervt sein IPad zur Seite legte und ebenfalls lossang.

 

Sean jubelte, er hatte sie wieder alle bekommen. Auch wenn das eigentlich immer klappte, feierte er trotzdem jedes Mal wie ein König. Schnell wechselte er auf seine offizielle Partyplaylist und sie sangen alle gemeinsam in voller Lautstärke zu „YMCA“.

Plötzlich unterbrach die CD, doch bevor Sean das Problem herausfinden konnte, ging neue Musik an und sein Kopf ruckte zur Tür. Alle sechs aus dem anderen Haus tauchten auf. Als letzte Claire, die unglaublich strahlte. Sean erkannte sofort warum, sie trug ein Plakat, auf dem er als Schnitzel verkleidet vor ihr lief und sich gerade zu ihr umgedreht hatte – der verdammte Dreh vom Mittwoch. Dann erkannte er das Lied: Der Schnitzel-Song, den die Sechs jetzt in Endlosschleife mehrstimmig sangen und das mit voller Begeisterung.

„Oh what a day“ … Sofort kam ihm diese Zeile in den Sinn.

Wer den Schnitzel-Song aus dem Film „Die Rotkäppchen-Verschwörung“ nicht kennt, der MUSS sich das unbedingt HIER anschauen! Viel Vergnügen damit 😉

 

11. Dezember – Charlotte

Drei Stunden hatten sie so getan, als wäre nichts gewesen. Als wäre alles wie immer. Doch Charlotte wunderte das nicht, denn so war es meistens. Einer von ihnen hatte einen Gefühlsanfall und danach lief alles weiter wie bisher. Sie erstaunte nur, dass Feo so fit war nach seinem Absturz am Samstag. Man merkte ihm fast nichts an, wenn er nicht einfach etwas geräuschempfindlicher gewesen wäre und öfter als sonst die Stirn in Falten zog. Nicht mal gestern Vormittag, als sie in einer wilden Aktion von Claire angestiftet, Seans Sonntagmorgenbelustigung gestürmt hatten – bei dem Gedanken an das Bild von Sean als Schnitzel musste sie immer noch lachen – hatte er sich verzogen. Im Gegenteil, selbst er hatte sich über das Schnitzelbild amüsiert, wenn auch nicht so wie sonst.

Als sie endlich endeten, sie hatten nur das Notwendigste miteinander besprochen, atmete Feo durch.

„Feo?“

Er sah auf und sie fragend an.

„Ist alles in Ordnung?“

Er hob die Augenbraue. „Natürlich!“

Er log, das erkannte Charlotte sofort, normalerweise dachte er immer eine kurze Sekunde nach, jetzt hatte er sofort geantwortet.

„Du lügst!“

Seine Stirn runzelte sich noch mehr. „Im Sinne der Sache ist alles in Ordnung.“

„Ich bin mir nicht sicher, ob diese Sache noch so in Ordnung ist!“, murmelte sie, aber er hatte es gehört.

„Charlotte, wir hatten ausgemacht, dass jeder sein Leben lebt. Du triffst dich mit anderen und ich treffe mich mit anderen. So haben wir es besprochen und du weißt genau, dass es nicht funktioniert, wenn wir mehr zulassen. Es würde eine Katastrophe werden. Unsere Familien würden ausrasten, es würde unendlich viele Schlagzeilen geben und von unserem Job ablenken, was wiederum UCoP nicht besonders lustig finden würde. Wir wissen doch, dass UCoP zwar Beziehungen toleriert, aber nur, wenn dadurch keine Krisen ausgelöst werden. Und unsere Beziehung wäre definitiv eine.“

Er hatte recht, sie wussten es beide. Genau darum hatten sie nie etwas miteinander angefangen, bis auf das eine Mal an Weihnachten vor ein paar Jahren, wo sie beide in London feststeckten, weil das Wetter so schlecht war, dass sie nicht wegfliegen konnten wie geplant und Charlotte schließlich in Feos Londoner Haus übernachtet hatte, weil es näher am Flughafen lag. Seitdem konnte sie „Last Christmas“ nicht mehr neutral hören, weil sie immer ihre Variante vor Augen hatte. Sie hatte irgendwann sogar mal aus Frust einen neuen Text dazu geschrieben, der ihre Geschichte erzählte, aber nie irgendwem gezeigt. Sie seufzte. „Ich weiß!“ Sie betrachteten kurz einander.

„Irgendwann …“, murmelte er.

„Ja irgendwann.“ Sie sah weg.

„Wenn wir irgendwann nicht mehr performen, wenn es egal ist, was wir tun. Dann …“

Sie wollte ihn immer noch nicht ansehen. „Ja dann!“ Sie stand auf, packte ihre Sachen und verschwand zum Frauentraining.

 

12. Dezember – Henry

„5 … 6 … 7 … 8 … 1 … 2 … 3 … STOPP! Beth du bist zu weit links, verdammt! Immer noch! Näher zu Henry!“

Beth seufzte leise, so leise, dass sie vermutlich dachte, dass es niemand hörte, aber da irrte sie sich. Er bekam es fast immer mit. Sie war zu weit links gewesen, wenn sie so tanzten, wäre es auf der Bühne später nicht symmetrisch, wobei er sich immer noch fragte, ob sie die Bühne überhaupt je betreten würde.

Sie war eindeutig ein Ausnahmetalent, er hatte noch nie jemanden so schnell in ihrem Alter lernen sehen, mit 20 musste man das meiste einfach schon können und sie hatte erst begonnen. Aber sie war immer noch nicht gut genug, kein bisschen locker, immer verkrampft und aus irgendeinem Grund schaute sie ihn nie an, nur wenn sie musste. Aber selbst dann hielt sie es nicht lange durch.

Normalerweise reagierten sonst nur Leute, die extrem schüchtern waren so auf ihn. Aber bei ihr war es nicht nur Schüchternheit, bei ihr steckte noch was anderes dahinter. Sie wollte eindeutig nicht mit ihm tanzen. Das war ihm noch nie passiert.

 

„Beth du bist schon wieder zu weit links!“, brüllte Tom wütend.

Er sah den Frust bei Tom, der mehr als alle anderen in Beth sah. Erst letzte Woche hatte er diese Aktion mit ihr und ihm gestartet, wo er einen neuen Song in kürzester Zeit lernen musste. Das hatte ihn total genervt und er hatte es nicht so hinbekommen wie Beth. Sie war in diesem Punkt besser gewesen, das hatte ihn zum Nachdenken gebracht.

„Okay, wir machen Schluss für heute, Beth kommst du noch mal?“

Er beobachtete, wie Beth mit vollem Karacho ihre Schuhe zu ihren Sachen pfefferte. Sie hatte definitiv Power hinter ihrer Blockade.

Er hörte nicht, was Tom zu ihr sagte, aber ihr Gesicht wirkte unglücklich und unzufrieden. Tom verschwand und sie begab sich zu ihren Sachen. Ihn hatte sie anscheinend völlig vergessen. Er beobachtete sie ein Weilchen und das erste Mal hatte er so etwas wie Mitleid mit ihr. Er ging die paar Schritte, die sie trennten, zu ihr.

„Beth?“ Sie zuckte, als würde sie ein Stromschlag treffen. „Alles in Ordnung?“, fragte er sofort weiter.

Sie starrte ihn an, als wäre er ein Geist.

„Ich meine nur, weil du frustriert wirkst und anscheinend dein Gespräch mit Tom nicht gelaufen ist“, sagte er weiter, damit sie schnallte, dass er mit ihr redete. Er betrachtete sie von Nahem, wozu er sonst beim Tanzen kaum Gelegenheit hatte. Sie sah müde und erschöpft aus, was er verstehen konnte. Sie hatte in dem Sinne kein normales Training, sondern Powertraining mit Tom. Wieder hatte er Mitleid.

„Es klappt nicht alles so, wie ich es gern hätte!“, erwiderte sie schließlich vorsichtig. Sie war auf der Hut, anscheinend rechnete sie damit, dass er sie wieder anschnauzen wollte. Aber das hatte er wirklich nicht vor. Dafür hatte ihn allein schon ihre Ansprache vor Wochen viel zu sehr beeindruckt. Wie gesagt, sie hatte Power. „Außerdem bin ich müde!“

Das sah selbst ein Blinder. Henry unterdrückte ein Schmunzeln und nickte stattdessen. „Ich bin ein Weilchen unterwegs, also sehen wir uns erst in ein paar Wochen wieder.“ Genauer gesagt erst nächstes Jahr, Promotiontermine warteten und dann würde er zwei drei Tage wie jedes Jahr über Weihnachten bei seiner Familie verbringen. Was würde sie Weihnachten machen? Ihm fiel nichts mehr ein, was er noch sagen konnte, deswegen sah er zu, dass er wegkam. „Bis dann“, verabschiedete er sich knapp.

„Bis dann und viel Spaß!“, rief sie leise, was ihn überraschte.

Er drehte sich zu ihr um. „Danke, ist nur Arbeit!“ Er lächelte, denn sie meinte es anscheinend nett, und verschwand.

Draußen atmete er durch und fragte sich, wieso er auf einmal so angespannt war

 

13. Dezember – Dayo

Dayo atmete tief durch, als er den Fahrstuhl verließ und in den weiten Flur trat. Er hatte diesem Tag wie immer mit flauem Gefühl entgegengesehen. Diese Termine waren definitiv diejenigen, die er mit Abstand am meisten hasste. Leider waren sie notwendig und Vorschrift.

Er klopfte an die große Holztür und sofort ertönte dahinter ein „Herein!“.

Dayo atmete durch und betrat den riesigen Raum.

John, UCoPs Chefarzt, kam bereits auf ihn zu. „Hallo Dayo!“

„Hi John!“, murmelte er.

„Wie geht’s dir?“ John wies auf seine Sitzecke, zu der er sich zögerlich begab, sich dann aber doch setzte.

„Mir geht es gut, danke!“ Er rutschte nervös herum, während auch John sich lächelnd ihm gegenüber auf ein Sofa platzierte.

„Bist du nervös?“

„Ich bin immer nervös vor Treffen mit dir“, erwiderte er schmunzelnd.

„Ach, dabei ärger ich dich doch gar nicht so sehr.“

„Nein, aber ich bin immer nervös vor dem Ergebnis.“

John nickte. „Das verstehe ich. Na gut, hast du denn irgendwelche Beschwerden?“

„Nein, ich fühl mich fit. Nicht müder als sonst.“

„Das ist doch schon mal hervorragend.“ John machte sich wie immer Notizen. Das machte Dayo ebenfalls nervös, aber auch das war etwas, was sein musste. „Und wie ist es mit der Luft?“

„Alles in Ordnung, ich glaube, es ist gut eingestellt!“

„Okay, du brauchst wahrscheinlich Medikamentennachschub?“

„Ja.“

Auch das schrieb er sich auf. „Sonst noch irgendwas?“

„Nein.“

„Gut, dann gehen wir mal rüber. Wir machen auch mal wieder einen Lungenfunktionstest, nur damit du schon mal Bescheid weißt.“

Dayo nickte und stand auf.

 

Es dauerte eine Weile, bis John mit seinen Untersuchungen fertig war. Wie immer wurde ihm auch Blut abgenommen. Das war etwas, was Dayo besonders aufgeregt machte. Aber wie immer musste er warten, bis er das Ergebnis bekam.

„Also Dayo, sieht doch alles gut aus. Wir müssen nur noch auf die Blutergebnisse warten. Ich tippe auf Übermorgen, aber ich versuche es zu beschleunigen.“

Dayo nickte wieder, wie schon oft an diesem Morgen. „Okay, danke!“ Er schluckte und wusste, dass die nächsten zwei Tage ein einziger Albtraum werden würden.

 

14. Dezember – Ana

„Boah, wie kann man das nur SO verhauen, echt! Ich sollte dich wirklich feuern!“

Ana betrachtete schockiert, wie Feodor einen Assistenten zur Sau machte. Sie hatte keine Ahnung, was er verbockt hatte, aber so wie Feo ihn gerade zur Schnecke machte, musste es schlimm sein.

„Verschwinde einfach!“, knurrte er schließlich und der junge Assistent, der jünger aussah als sie selbst, verschwand mit Tränen in den Augen.

Ana näherte sich vorsichtig. Sie kam gerade die Treppe herunter und wollte zum Training. Feo wandte sich auch zum Ausgang.

„Was hat der denn ausgefressen?“, fragte sie von oben und Feo drehte sich stirnrunzelnd um. Er entspannte sich, als er sie erkannte.

„Er bekommt es einfach nicht hin, Dinge so zu erledigen, wie ich sie haben will. Er sollte meiner Schwester eine pinke Karte zum Geburtstag besorgen. Er kommt mit einer LILA Karte an …“ Er fluchte leise auf Russisch.

„Und das ist tragisch, weil?“, fragte Ana skeptisch.

„Weil meine Schwester auf Pink steht, nicht auf Lila. Ernsthaft, das ist ein riesiger Unterschied, wie du doch eigentlich wissen müsstest.“

Ana seufzte. Farblich war das natürlich ein Unterschied, aber so wie Feo ihn gerade zur Schnecke gemacht hatte, schien er eher etwas wirklich Schlimmes gemacht zu haben. „Ich meine es echt nett, aber du hast überreagiert.“

Feo hob bedrohlich seine Augenbraue.

„Also nicht, dass ich nicht sage, dass es blöd ist, wenn er Fehler macht und anscheinend ja auch öfter. Aber du bist ausgeflippt wegen einer Karte! Er hatte Tränen in den Augen!“

Feo verdrehte die Augen. „Ich rede noch mal mit ihm“, brummte er. Sie saßen inzwischen im Auto und fuhren zusammen zum Trainingskomplex.

Ana nickte. Sie wusste, dass Feo momentan mies gelaunt war, sie wusste nur nicht warum. Keiner wusste das so richtig. Sie hatte den Verdacht, dass das irgendwie mit Charlotte zu tun hatte, aber auch die äußerte sich nicht, also konnte Ana nur raten.

Sie musste wieder an ihre Assistentin Olena denken. Es gab Zeiten, da hatte Ana auch schon so wie Feo vorhin reagiert. Damals hatte sie einen hohen Durchsatz an Assistentinnen gehabt, bis Dayo ihr irgendwann mal die Meinung dazu gesagt hatte, nämlich, dass sie sie unmöglich behandelte. Er hatte recht, wie immer. Seitdem gelobte sie Besserung und siehe da, Olena war jetzt schon eine ganze Weile bei ihr.

 

Abends nach dem Training kam Olena wie immer zu ihr, um Bericht zu erstatten. Sie saßen an Anas Schreibtisch und gingen verschiedene Angelegenheiten durch. Olena machte ihre Sache gut, das wusste Ana. Schließlich waren sie fertig und Olena atmete unauffällig durch, vermutlich, weil Ana alles mehr oder minder abgesegnet hatte. Sie wollte schon aufstehen und gehen, aber Ana hielt sie auf. „Olena?“

„Ja?“ Sie drehte sich erschrocken um und Ana schmunzelte.

„Ich wollte dir noch etwas geben!“

Olena runzelte die Stirn und kam vorsichtig zurück.

Ana holte einen Karton unter ihrem Schreibtisch hervor. „Es ist ja bald Weihnachten, und weil ich dir und allen so dankbar bin, dass ihr euch so für mich einsetzt, habe ich für jeden eine Kleinigkeit. Verteilst du das?“

Olena nickte und ergriff den Karton, den Ana für alle ihre Mitarbeiter gepackt hatte.

„Ich will aber nichts zurückhaben!“, ermahnte sie.

Olena grinste. „Okay! Das gebe ich weiter.“

„Und dann habe ich noch was nur für dich.“ Sie zog eine kleine Schachtel hervor. „Bitteschön, weil du mich immer ertragen musst, auch wenn ich pampig bin. Das tut mir übrigens echt leid.“

Olena starrte auf das Päckchen.

„Am besten du stellst den Karton ab und schaust hinein!“

Das tat Olena auch. Ihre Hände zitterten als sie von Ana das Geschenk entgegennahm und vorsichtig die Schleife löste. Sie öffnete den Deckel und erstarrte. „Ana!“ Sie wurde blass.

„Ich habe gesehen, wie du es bewundert hast, da dachte ich, das kannst du ganz wunderbar während der Urlaubstage tragen. Ich werde dich übrigens vermissen!“ Ana lächelte. Das Armband erzielte genau die erhoffte Wirkung.

Olena war sprachlos, aber ihre Augen glänzten vor Freude. „Danke, woher wusstest du das? Also ich meine, dass ich das so schön fand?“

„Ich bin wirklich gut im Beobachten.“ Sie lächelte. Es war das Armband, was Ana ursprünglich für sich und ein Kleid gekauft hatte. Aber sie besaß bereits ein Ähnliches und da Olena so sehnsuchtsvoll drauf geschaut hatte, hatte Ana kurzerhand beschlossen, es ihr zu schenken. „Ich wünsche dir und allen frohe Weihnachten!“ Sie lächelte und bekam zum ersten Mal richtig Weihnachtsstimmung.

 

15. Dezember – Dayo

Dayo hatte es befürchtet und genau so war es auch passiert: Die letzten 48 Stunden war er total nervös gewesen. So nervös, dass er kaum hatte schlafen können.

Allein Ana kannte den Grund, ihr hatte er nichts vormachen können. Als sie vorgestern zusammen Training hatten, hatte sie ihn nach einer Viertelstunde förmlich in die Mangel genommen, bis er zugegeben hatte, dass er am Morgen seinen halbjährigen Gesundheitscheck absolviert hatte. Damit wurde ihr alles klar und sie versuchte ihn abzulenken, doch dazu hatte er einfach keine Nerven gehabt und das Letzte, was er wollte, war, Ana irgendwie anzugehen.

Jetzt hatten sie gleich wieder Training und er wartete bereits, gerade sein Telefon kontrollierend, ob er vielleicht einen Anruf von John verpasst hatte. Wenn er sich bis zum Abend nicht melden würde, würde ihn Dayo anrufen, weil er es einfach nicht länger aushielt.

„Und schon was gehört?“

Dayo erschrak, Ana stand vor ihm, offensichtlich gut gelaunt, und starrte neugierig auf sein Telefon.

„Nein!“, brummte er.

„Aber er wollte sich heute melden?“

„Ja!“

„Na ja, es ist ja noch früh, er meldet sich bestimmt noch. Komm wir trainieren, das lenkt dich ab.“

Dayo seufzte und legte sein Telefon weg. „Hast du dich schon warm gemacht?“

„Ich hatte gerade Alphafrauentraining und du?“

„Wir hatten ein Männergesamttraining.“

„Und? Ruhiger ohne Henry?“

„Ja, sehr angenehm, andererseits fordert er immer so viel, dass es total ablenkt.“ Dayo gähnte.

„Hast du geschlafen?“ Anas Stirn runzelte sich.

„Nicht wirklich“, murmelte Dayo

„Ach Großer, so schlimm?“

„Ja, ich kann das einfach nicht wegschalten.“

Ana nickte.

Plötzlich klingelte es und beide zuckten. Dayo hatte den lautesten und nervigsten Klingelton eingestellt, der möglich war. Man konnte sein Telefon gar nicht überhören bei dem schrillen Fiepen.

Dayo wühlte wie wild in seiner Tasche herum, anscheinend war sein Handy nach unten gerutscht. Er wurde panisch, schaffte es dann aber doch, das Telefon zu finden und ging sofort ran. „Ja?“

„Hallo Dayo, hier ist John. Ich rufe wegen der Blutergebnisse an, alles ist in Ordnung. Tut mir leid, dass es nicht gestern schon geklappt hat.“

„Okay, kein Problem!“ Er atmete durch.

„Wir sehen uns in einem halben Jahr, außer du hast vorher was.“

„Ich hoffe nicht, vielen Dank!“

John lachte und verabschiedete sich.

 

Dayo legte auf und starrte Ana an.

Sie schien nicht sicher darüber, was John gesagt hatte. „Und?“

Dayo schloss kurz die Augen. „Alles ist gut!“

„Super!“ Ana fiel ihm um den Hals und gab ihm einen Kuss auf die Wange.

Dayo machte das nichts, denn Ana war für ihn wie eine kleine Schwester und er wusste, dass er für sie wie ein großer Bruder war. Sie machten sich immer gegenseitig Sorgen und er wusste, dass auch dieses Mal Ana sich Gedanken gemacht hatte, auch wenn sie das nicht offensichtlich zeigte. Auf einmal überfiel ihn die Erleichterung und er ließ sich entspannt in Anas Arme fallen. Seitdem er als Kind akute Leukämie gehabt hatte, war jede ärztliche Untersuchung für ihn eine absolute Tortur. Immer wieder kam die Angst davor zurück, das Ganze noch mal durchstehen zu müssen. Aber auch dieses Mal hatte er wieder Glück gehabt.

„Ich glaube, dieses Weihnachtsgeschenk hast du dir verdient!“ Ana lächelte.

„Ja, finde ich auch.“ Er grinste. „Und nun los, trainieren wir, damit ich es auch nächstes Jahr wieder verdient habe.“ Er lachte und zog Ana schließlich mit in die Mitte.

 

16. Dezember – Minkah

„Also ich weiß ja nicht, meint ihr, wir sollten das wirklich tun?“, fragte Rani und schien skeptisch. „Was hältst du davon Minkah?“

Minkah reagierte nicht.

„Minkah?“ Irgendwer tippte sie an der Seite an und Minkah zuckte.

„Was?“ Sie drehte sich verwirrt um, Charlotte hatte sie angetippt. Ihre vier Kolleginnen starrten sie an, sie machten sich gerade fertig, um zu ihrem nächsten Training zu gehen.

„Bist du überhaupt anwesend?“

„Ja, aber ich habe gerade darüber nachgedacht, was ich Thien zu Weihnachten schenke. Seit fast zwei Wochen denke ich darüber nach, aber mir fällt nichts ein.“

„Aber er hasst Weihnachten doch, willst du das wirklich tun?“

„Ich dachte, ich schenke ihm irgendwas, damit er mit Weihnachten mal was Positives verbindet!“

Alle nickten so halb überzeugt.

„Was wolltet ihr denn von mir?“ Sie brachen inzwischen auf und verließen den großen Saal.

„Wir überlegen, ob wir Beth etwas schenken sollen. Ich meine, sie ist neu, es wäre ja vielleicht ganz nett. Wir sehen uns ja inzwischen beinahe jeden Tag!“ Claire blickte sie fragend an.

„Hmm, aber was?“, fragte Ana. „Wir kennen sie ja nicht so gut und haben keine Ahnung, was sie mag. Wir sehen sie immer nur im Training in ihren dunklen Trainingsklamotten und ihren zerzausten Haaren.“

„Es wäre definitiv leichter, wenn sie schon bei uns wohnen würde. Wohin zieht sie eigentlich, wenn sie denn bleibt?“, fragte Rani.

„Sie zieht auf Henrys Etage!“ Claire grinste.

Uuuuuuhs und Aaaaaaaahs folgten. Minkah betrachtete Claire. „Ist das sicher?“

„Ja, ich habe Tasha und Olav darüber reden hören. Sie muss bloß die Kurve bekommen.“

„Ich bin schon ein bisschen neidisch!“ Charlotte seufzte. „So eine riesige Wohnung.“

„Als ob unsere klein wären!“ Claire verdrehte die Augen.

„Nein, aber die von Beth ist doch noch ein ganzes Stückchen größer, ich bin gespannt, wie sie wird. Als sie noch Nicole gehörte, fand ich sie zu protzig.“

„Ich glaube nicht, dass Beth zu Protz neigt. Vermutlich wird sie ganz bescheiden eingerichtet werden, ich denke nicht, dass Beth sich eine Statue von sich selbst hineinstellt wie Nicole.“ Claire würgte und alle lachten.

Minkah erinnerte sich genau an die Statue, die Claire meinte. Diese war nicht nur protzig, sondern auch hässlich gewesen.

„Hässlich!“ Sie sah auf und wieder starrten sie alle an. „Ich habe DIE Idee!“

 

17. Dezember – Claire

Endlich war Sonntag und Claire hatte frei. Sie wachte zufrieden auf, zum ersten Mal wirklich wach in dieser Woche. Auch wenn Henry den Großteil der Woche nicht da gewesen war, fand sie es anstrengend. Es wurde wirklich Zeit, dass sie nach Hause in die Weihnachtsferien fliegen konnte, auch wenn es nur drei Tage waren. Drei Tage zu Hause, nur schlafen, essen, schlafen, essen und dann wieder schlafen.

Sie fand, dass sie das verdient hatte. Beschwingt stand sie auf, zog sich an und ging nach unten zum Frühstück. Charlotte, Rani und Minkah waren schon da. Sie quatschten ausgiebig und schienen gut gelaunt, auch wenn Claire das Gefühl hatte, dass alle irgendetwas beschäftigte. Charlotte am meisten, aber sie hatte immer noch nicht herausbekommen, ob das an Feo lag.

Sie schnappte sich ihren Lieblingsbecher und schenkte sich Kaffee ein, dann besorgte sie sich Frühstück. Heute hatte sie Lust auf Obst, sodass sie schließlich eine halbe Platte anschleppte. Sofort klaute ihr Charlotte ein Stück Melone, als Claire sich neben sie setzte.

„Finger weg!“, murrte sie.

„Ich muss den Becher ertragen, also musst du es ertragen, dass ich dir was von deinem Essen nehme!“, antwortete Charlotte liebenswürdig.

„Als ob dein Becher besser wäre!“

„Und ob, er ist wirklich ästhetisch.“

„Er ist rosa, mit Schmetterlingen!“ Claire verdrehte die Augen.

„Ich sagte ja, er ist ästhetisch, besser auf jeden Fall als dieser Typ!“

„Das ist kein Typ! Gott, Charlotte, das ist Meister Yoda!“ Sie betrachtete ihren Yoda-Becher, den sie über alles liebte.

„Also ich finde ja, ihr tut euch beide nichts!“ Rani lächelte.

 

Sie aßen eine Weile, irgendwann kamen auch Dayo und schließlich Thien, der beim Anblick des Weihnachtsschmucks das Gesicht verzog. Dayo dagegen war sehr gut drauf, immerhin.

Plötzlich wurde es draußen im Flur unruhig.

Claire raffte gar nicht so schnell, was passierte, bis auf einmal Sean vor ihr saß in einem Rentierkostüm. „PAAAAAAAAAARTYYYY!“ Damit setzte die Musik ein. Hinter ihm tauchten Ana, Feo und Ben auf, alle entweder mit Weihnachtsmützen und Rentiergeweihen bekleidet.

Das war sie also, Seans Rache für letzte Woche.

Claire verdrehte die Augen, seufzte, stand auf, schnappte sich Sean, das Rentier, und tanzte einfach los.

 

18. Dezember – Rani

Rani mochte an Weihnachten am Liebsten den Trubel und die fröhlichen Gesichter überall. Nachdem sie gestern dank Sean einen beschwingten Morgen hatte, war die Stimmung im Allgemeinen unter ihnen gestiegen. Selbst Thiens und Feos Laune hatte sich gebessert. Jetzt hatten sie gerade alle zusammen Training mit Beth, ausnahmsweise am Vormittag, weil sie am Nachmittag andere Termine hatten.

Auch Beth wirkte zufrieden. Rani beobachtete sie seit dem Tag, an dem sie bei einem Training einfach aufgetaucht war und für großen Trubel gesorgt hatte. Rani erinnerte sich genau daran, wie wütend alle waren. Inzwischen fraßen ihr alle aus der Hand, ohne dass Beth etwas davon merkte. Rani musste zugeben, dass sie ganz gegen ihre Natur, auch wütend gewesen war. Nicht nur wütend, sondern regelrecht eifersüchtig. Sie hatte so lange dafür gebraucht, um es endlich ins Alphateam zu schaffen, und Beth kam, sah und siegte einfach. Und dann wurde sie auch noch Henry zugeteilt, den Rani auch gerne als Partner gehabt hätte, trotz seines Gehabes und trotz seiner Art. Nicht, dass sie Ben nicht mochte, aber Henry war einfach eine Klasse für sich. Doch er hatte sich nie für sie interessiert, und wenn sie in äußerst seltenen Fällen mal zusammen getanzt hatten, hatte sie immer nur das Gefühl, dass sie für ihn eine von vielen hier war. Außerdem war er so gut, dass sie es immer anstrengend fand, mit ihm zu tanzen, auch wenn es gleichzeitig großartig war.

Jetzt gab es Beth, die als Laie von null durchstartete, was Rani kaum fassen konnte. Und dann war sie auch noch so irritierend anders. Rani konnte es gar nicht richtig beschreiben, aber sie schien irgendwie in einer anderen Welt zu leben. Sie lernte nicht wie alle anderen, sie tanzte nicht wie alle anderen, sie ging einfach auf eine völlig andere Weise an die Sache heran. Doch offensichtlich schienen sie und Henry ein Problem zu haben. Er beachtete sie, das war bei ihm der Unterschied, auch wenn seine Beachtung eher hasserfüllt ausfiel, zumindest bis vor zwei Wochen. Und Beth? Diese verging offensichtlich vor Angst, was Rani verstehen konnte. Was sie nicht verstehen konnte, war Beths offensichtliche Abneigung mit Henry tanzen wollte. Jetzt, wo er seit fast einer Woche weg war, erblühte Beth förmlich. Neidlos musste Rani anerkennen, dass Tom sie genau richtig besetzt hatte und gottseidank ließ diese Erkenntnis Ranis Eifersucht schwinden.

„Rani?“

Rani sah auf und lächelte Ana an, die vor ihr stand. „Tut mir leid, ich war gerade in Gedanken!“

Ana lächelte zurück, wie das fast immer alle bei ihr taten. Sie wusste, dass sie mit ihrem Lachen immer so nett wirkte, das alle zurücklächeln mussten. „Wir wollten los zum Aufnahmestudio.“

„Moment!“ Schnell warf sie ihre Sachen in ihre Tasche. „Okay, wir können. Schade, dass Beth nicht mitgeht, oder?“

„Ja, aber nächstes Jahr dann!“

Rani nickte. Beth würde wohl nicht mehr lange so ein Geheimnis bleiben. „Was singen wir eigentlich heute, weiß das eine von euch?“

Sie liefen zu fünft zum Auto, das sie zu dem Aufnahmestudio bringen sollte.

„Noch schnell zwei drei Weihnachtslieder für den üblichen UCoP-Weihnachtsgruß!“ Claire seufzte.

„Oh schön!“ Und schon begann sie fröhlich „Jingle Bells“ zu summen.

 

19. Dezember – Rani

Rani summte.

„RANI!“ Claire drehte sich um. „Wegen dir haben wir alle einen Ohrwurm!“

Rani zuckte nur mit der Schulter, lächelte und begann „Joy to the world“ zu summen.

Minkah neben ihr ließ theatralisch den Kopf fallen, während sie sich fertigmachte.

„Ich liebe einfach Weihnachtslieder und Weihnachten! Ich mochte das schon, als ich noch bei meinen Eltern in Indien lebte. Ich habe mir immer die ganzen Weihnachtsfilme angeschaut.“

„Das liegt daran, weil Weihnachten so bunt ist und du darauf stehst“, analysierte Minkah.

„Das würde ich nicht bestreiten. Außerdem liebe ich unser jährliches Weihnachtslieder singen!“ Sie meinte die Aufnahmen, die sie gestern noch gemacht hatten. „Jingle Bells“ hatte es ihr besonders angetan, die fünfstimmige Variante war einfach wunderschön gewesen.

„Hallo!“

Alle fünf Köpfe drehten sich nach vorne. Beth tauchte auf, offensichtlich hatte Tom das Training mit ihr beendet und sie ließ sich seufzend auf den Boden bei ihnen und ihren Sachen fallen. Sie war verschwitzt, Tom hatte sie offenbar ganz schön gequält.

Alle begrüßten sie nett.

„Wir haben uns gerade über Weihnachtssongs unterhalten!“, informierte Ana sie.

Beth verzog das Gesicht.

„Oh, scheint nicht dein Thema zu sein?“, fragte Claire freundlich.

„Ach Weihnachtssongs sind schon okay, aber Weihnachten …“ Beth stöhnte und blieb still.

Rani warf einen Blick zu Minkah, die die Stirn runzelte, und dann zu Claire, die ebenfalls gerade ihren Blick kreisen ließ. Anscheinend war Beth nicht gut auf Weihnachten zu sprechen und das bedeutete, dass sie ihr wohl besser nichts schenken sollten. Genau das dachten offensichtlich auch die anderen vier.

„Und was ist dein Lieblingsweihnachtssong? Rani nervt uns schon den ganzen Morgen mit „Jingle Bells“, den mussten wir gestern singen.“

„Echt?“ Beth hob fragend den Kopf.

„Ja, für die üblichen UCoP-Weihnachtsposts überall im Internet. Henry ist ja nicht da, deswegen haben wir das alleine gemacht.“

„Habt ihr übrigens die Bilder von seiner Premiere gestern gesehen?“, mischte sich Charlotte ein.

„Leider, das Kleid von Alexandra war der Horror, oder?“ Ana würgte.

Beth blickte fragend von einer zur anderen.

„Henry ist gerade auf Tour, um seinen neuen Film zu promoten“, erklärte ihr Rani.

Beth nickte.

„Aber wir wollten deinen liebsten Weihnachtssong wissen.“ Claire grinste Beth an.

„Ach ja, hmm …“ Beth dachte eine Weile nach, Rani beobachtete sie wieder. Beth wirkte müde, aber das wunderte sie bei dem ganzen Training für sie nicht. Doch sie hatte sie noch nie einmal darüber jammern oder gar stöhnen hören, Beth ertrug alles schweigend. Das fand Rani sehr lobenswert, denn auch sie versuchte immer alles so zu ertragen und lächelte stattdessen. Das tat Beth zwar nicht, aber dafür schien sie auch nicht der Typ. „Eigentlich mochte ich immer „Silent Night“ ganz gerne, nur dann lieber in der deutschen Variante als „Stille Nacht“.“

„Nette Wahl! Sing mal auf Deutsch!“, forderte Claire sie auf und Beth sang leise los.

Sofort bekam Rani eine Gänsehaut, eigentlich war ihr das Lied zu hochtrabend und traurig, sie mochte lieber die fröhlichen Weihnachtslieder, weil das mehr ihrem Typ entsprach. Aber so wie Beth das sang, verfehlte es seine Wirkung nicht. Sie drehte sich wieder zu den anderen und eine neue Runde Blicke wurden ausgetauscht. Rani war sich sicher, dass alle das Gleiche dachten: Nächstes Jahr würde Beth genau diesen Song bei den Aufnahmen singen müssen.

 

20. Dezember – Feodor

Er musste noch genau diesen Tag überstehen, dann konnte er weg. Dieses Mal ging es nicht nach Russland, sondern er blieb in London, wo er ein Haus besaß und sein Vater ebenfalls. Dort würden sie die Feiertage zusammen verbringen, ein Pflichtprogramm, aber immerhin dieses Mal ohne lange vorweihnachtliche Anreise. Ihm graute allerdings an die Erinnerung an Weihnachten in seinem Haus. Dort, wo er vor zwei Jahren eine Nacht mit Charlotte verbracht hatte, die zwischen ihnen einiges geändert hatte und doch wiederum auch nichts.

Immerhin war es momentan beim Training angenehm, weil Henry nicht da war. Das machte alle gleich wesentlich lockerer, sogar die Neue blühte regelrecht auf. Kein Wunder, Henry war im echten Leben ein wahrer Albtraum und das wohl besonders für seine Performpartnerinnen. Zumindest für Beth war er einer. Das konnte man sehen und spüren. Immerhin war sie für Henry so ziemlich dasselbe, aber das hatte er verdient, so wie er immer alle behandelte. Feo zumindest fand, dass er das verdient hatte.

 

Charlotte sah er erst, als sie als letzten Punkt des Tages Alphatraining ohne Henry aber mit Beth hatten. Die Frauen trainierten noch und, als er mit den anderen Vier in den Saal kam, hatte er die Chance die Sechs zu beobachten. Doch eigentlich beobachtete er fast immer nur Charlotte. Keine wirkte so wie sie und keine war wie sie, so hochmütig und elegant, auch wenn das nur der äußere Schein war.

„Sie ist echt gut oder?“, murmelte Sean in sein Ohr und Feo nickte. Erst jetzt fiel ihm auf, dass Sean nicht Charlotte meinte, sondern die Neue. Feo wandte kurz den Blick auf sie. Ja, auch sie war gut, außergewöhnlich in jedem Fall. Sie fiel auf, auch wenn sie nicht ihm auffiel. Schnell huschten seine Augen zurück zu Charlotte.

 

Am Abend ließ er sich erleichtert auf seine Couch fallen. Endlich ein paar Tage frei, wenn auch nur über Weihnachten. Am 27. würde es direkt mit Training weitergehen. Die Mädels mussten sogar noch zwei Tage länger in dieser Woche schuften wegen Beth. Sie hatten erst am Freitagabend frei. Das reichte kaum, um wegzufahren, einige taten es aber trotzdem. Claire hatte erzählt, dass sie direkt Freitagabend in die USA zu ihrer Familie flog und Charlotte traf sich mit ihrer Familie irgendwo.

Plötzlich klingelte es und er stöhnte. Wer nervte denn jetzt noch? Das wer stellte sich als Charlotte raus, die vor seiner Tür ungeduldig hin und herlief, bis er öffnete.

„Was willst du?“, fragte er ruppig.

„Darf ich kurz reinkommen?“, fragte sie.

Er zögerte einen Augenblick, aber nickte dann. Sie wohnte im anderen Haus und befürchtete wohl, dass sie hier von Ana, Ben oder Sean gesehen wurde, die alle auf seiner Etage in ihren eigenen Wohnungen lebten.

Sie schlüpfte schnell durch die Tür in den Vorraum, dort blieb sie stehen. „Ich will dich nicht lange stören, ich wollte dir nur etwas geben. Bitte!“ Sie reichte ihm ein kleines Päckchen. „Wir sehen uns in einer Woche.“ Sie ging zu ihm, drückte ihm einen Kuss auf die Wange und verschwand bereits wieder, was eher wie eine Flucht wirkte.

Verdattert blieb er zurück.

 

Eine ganze Weile schlich er um das Paket herum, bis er es endlich öffnete. Darin befand sich eine Karte und eine kleine Schachtel, die einen USB-Stick enthielt.

Feo startete seinen Laptop und las derweil die Karte. „Irgendwann … C.“ Mehr stand nicht drin.

Inzwischen war sein Laptop hochgefahren und er sah nach, was auf dem Speicherstick war. Anscheinend eine Audiodatei. Er öffnete sie und lauschte. Dann hörte er sie noch mal und noch mal. Schließlich schob er die Datei auf sein Smartphone und in seinen Musikordner in der Cloud, damit er sie immer und überall hören konnte.

Das tat er den Rest des Abends, auf Dauerschleife, auch als er in seinem Auto saß. Er hatte nie etwas Schöneres gehört. Charlottes persönliche „Last Christmas“-Variante für ihn. Seine Wange brannte immer noch von ihrem zarten Kuss vorhin. Irgendwann würde sie hier bei ihm sitzen, irgendwann.

 

21. Dezember – Ben

„Hallo meine Schöne!“ Ben trat näher und hauchte seiner Freundin Bristol einen zarten Kuss auf die Wange.

„Hallo Liebster!“ Sie strahlte. Sie sah wundervoll aus, sie trug ein dunkelrotes Samtkleid und wirkte wie eine sexy Weihnachtsfrau.

„Du siehst toll aus!“, kommentierte er.

„Danke, du auch!“ Ihr Blick wanderte über seinen Körper, denn auch er hatte sich in Schale geworfen. Er trug einen teuren neuen Maßanzug samt dazu passendem Hemd. Auf die Krawatte hatte er verzichtet, das kam ihm dann doch zu viel des Guten vor.

„Meine Eltern kommen gleich.“

Sie nickte und wackelte nervös mit den Füßen, was ihn schmunzeln ließ.

„Keine Sorge, sie beißen in der Regel nicht.“

Sie nickte erneut. Sie würde heute das erste Mal auf seine Eltern treffen, die gerade auf einem kurzen Shoppingtrip in London waren. Morgen würden sie dann alle in die Schweiz zu ihnen fliegen, doch für heute Abend hatten sie sich in Londons bestem Restaurant hoch über der Stadt verabredet. Ben hatte den Tisch bereits vor Wochen reserviert.

„Wie läuft es bei dir?“ Er rückte ihr den Stuhl zurecht, sodass sie sich setzen konnte. Dann begab er sich an die andere Seite und setzte sich ihr gegenüber.

„Willst du nicht bei mir sitzen?“

„Hmm, ich dachte, ich schaue dich lieber an.“ Er lächelte. „Aber ich kann auch die Seite wechseln.“

„Bitte!“, flehte sie.

Er kam also erneut rum und setzte sich auf den Stuhl neben ihr. „Besser?“

„Viel besser!“ Sie klimperte mit ihren Wimpern, sodass Ben sich freute.

„Also, wie läuft es bei dir?“

„Ach, es geht. Vielleicht bekomme ich eine Rolle in einer Daily Soap.“

Ben schmunzelte. „Ach ja?“ Daily Soap klang für ihn jetzt nicht sonderlich attraktiv, aber wenn sie es glücklich machte.

„Ja, dann werde ich vielleicht noch berühmt und bin nicht nur die Freundin von einem Alphastar.“ Sie wirkte beinahe trotzig.

Er verdrehte die Augen. „Als ob das jemanden interessiert.“

„Jede starrt dich an.“

„Und ich starre dich an und nur dich.“

„Hmm, warum sehen wir uns so selten und warum darf ich dich nicht mehr besuchen?“

„Ach Bristol.“ Er seufzte und versuchte nicht genervt zu wirken. „Ich darf es dir nicht sagen, aber es hat weder was mit dir noch mit mir zu tun.“ Der Grund dafür war Beth, sie wohnte zwar noch nicht bei ihnen, aber das würde sich irgendwann wohl ändern. Da niemand von ihr erfahren sollte, auf Toms Befehl hin, mussten sie alle in den sauren Apfel beißen und auf Besuch verzichten. Er fand das nicht sonderlich schlimm, so hatte er wenigstens einen Grund öfter vom Gelände zu verschwinden.

„Hmpf!“ Sie schien nicht zufrieden.

„Ich habe dir übrigens etwas mitgebracht. Ein vorzeitiges Weihnachtsgeschenk.“ Ben lächelte und wühlte in seiner Jacketttasche. Es war ein schmales längliches Paket, hübsch in rotgoldenem Papier verpackt mit einer eleganten Stoffschleife, die kunstvoll darauf drapiert war. Es sah von außen schon teuer und edel aus. Er hoffte, dass sich die Investition lohnte.

„Oh Ben!“ Sie schien überrascht und griff danach. Vorsichtig öffnete sie es und fand die schwarzsamtige Schatulle, die sie öffnete. „Oh ist das hübsch!“ Sie nahm das Armband aus der Schatulle und ergriff seine Hand. Sie hüpfte aufgeregt. „Mach es um mein Handgelenk, ja?“

Das tat er und küsste ihre Hand.

„Ach, du bist so ein Charmeur!“ Sie kicherte.

„Gute Schule, so was lernt man als Alphastar!“ Er grinste und Bristol kicherte noch mehr. „Mein Alpha gehört jetzt dir“, schleimte er.

Sie sah auf ihr Armband und betrachtete es. Das Armband bestand aus Platinanhängern mit ein paar kleinen Diamanten. Das Highlight bildete jedoch ein Herz mit einem weiteren Stein und einem eingravierten Alphazeichen inklusive einer 5 für seine Nummer. Ein Einzelstück, extra für Bristol gefertigt. „Wirklich schön“, murmelte sie erneut, doch Ben bekam das Gefühl, dass irgendwas nicht stimmte.

Doch er konnte nicht weiter darüber nachdenken, denn seine Eltern kamen an den Tisch.

 

22. Dezember – Thien

Endlich, es war Freitagabend und er hatte seine Ruhe. Nachdem er und die anderen Männer schon vorgestern ihren letzten offiziellen Trainingstag hatten, hatten jetzt auch endlich die Frauen Ferien. Sie mussten dieses Jahr länger trainieren wegen Beth. Für ihn hatte das bedeutet, dass er erst später allein im Haus war als üblich. Ansonsten fuhren immer alle weg und er hatte das ganze Haus für sich, was er himmlisch fand. Er besaß zwar auch eine Wohnung in London, aber allein beim Anblick aus dem Fenster auf die ganzen geschmückten Straßen, Wohnungen, Läden und Vorgärten hatte er schon keinen Bock, dorthin zu fahren. Dann lieber hier, wo er keinem begegnen musste, er die Tage über Essen in seine Wohnung bekam und er einfach die Tage durchzockte oder Serien schaute – garantiert weihnachtsfrei!

 

Plötzlich klingelte es und er stöhnte auf. Wer störte denn jetzt bitte? Er überlegte nicht aufzumachen, kam aber von dem Plan ab, als das Klingeln nicht mehr aufhörte und zu einem Dauerklingeln wurde. Wer auch immer das war, derjenige würde einen gewaltigen Einlauf bekommen.

Wutschnaubend rannte er beinahe zur Tür, die Möglichkeit ignorierend diese über die Hausanlage auch aus seinem Wohnzimmer zu öffnen.

Er riss die Tür auf und stand Minkah gegenüber, die düster gekleidet war, wie er es noch nie gesehen hatte. Außerdem trug sie eine völlig schräge Weihnachtsmütze, die ihn sprachlos machte.

Sie sagte kein Wort, sondern trat herein.

Er war so perplex, dass er ihr einfach folgte. Sie lief zielsicher weiter in sein Wohnzimmer.

„Miky?“

Sie trabte weiter und er erkannte, dass sie irgendwas dabeihatte. Im Wohnzimmer angekommen, warf sie ihm den Beutel zu, den sie in der Hand getragen hatte. „Zieh das an! Wir gehen gleich runter.“

Er starrte sie wieder an.

„Komm mach schon.“

„Hast du den Verstand verloren?“

Plötzlich grinste sie. „Vielleicht, aber ich habe ein „Weihnachtsgeschenk“ für dich.“

„Ich hasse Weihnachten!“

„Eben darum. Komm mach schon.“

Er schaute perplex in den Beutel und erkannte ähnliche Klamotten wie ihre. „Ich zieh nicht so einen Kram an.“

„Wenigstens die Mütze, biiiitte!“ Jetzt flehte sie.

Er gab nach und seufzte. Die Mütze kramte er heraus und nachdem er sie aufhatte, grunzte sie. Sie kam näher, setzte die Mütze schräger, ergriff seine Hand und zog ihn mit.

„Miky … Bitte, was hast du vor?“

„Warte es ab.“

„Wolltest du nicht eigentlich weg?“

„Ich fahr morgen nach London, über die paar Tage lohnt es sich nicht nach Hause zu fliegen.“

 

Sie liefen die Treppe herunter, bis sie unten angelangt waren. Bevor sie ihren Ess- und Loungesaal betraten, stoppte sie. „Nur eines! Das muss KOMPLETT unter uns bleiben, die anderen lynchen mich sonst!“

Thien runzelte die Stirn. Sie zog ihn weiter und plötzlich standen sie im dunklen Saal.

„Warte!“

Also wartete er. Plötzlich ging das Licht an und er musste blinzeln. Dann blinzelte er, weil er es nicht fassen konnte. Dann brach er in helles Gelächter aus. „Miky …“

„Frohe Weihnachten!“ Sie strahlte ihn an.

Minkah hatte „umdekoriert“ Alles Kitschige war verschwunden, stattdessen stand statt eines Tannenbaums ein Schrottbaum da mit den skurrilsten Anhängern. Er sah Burger, Einhörner, einen Totenkopf und noch vieles mehr. Auch den Rest des riesigen Raumes hatte sie geschmückt mit den skurrilsten Sachen. Er hatte noch nie etwas Schrägeres und Hässlicheres, aber gleichzeitig Cooleres gesehen und er hatte noch nie so gute Laune an Weihnachten gehabt.

 

23. Dezember – Henry

„Du stehst hier wie angewurzelt!“ Jemand klopfte ihm auf den Rücken.

„Hi Paul!“ Henry seufzte und war komplett raus aus seinem Gedankengang.

„Woran hast du gedacht, Bro?“

„Nichts Bestimmtes“, brummte er. „Na, endlich frei?“

„Ja, ist ne harte Saison!“

„Ich bedaure nicht, dass ihr verloren habt!“ Henry grinste. Pauls Fußballverein hatte gegen seinen Lieblingsverein verloren, auch wenn Paul ordentlich gespielt hatte.

„Du bist echt ein Arsch, wie läufts bei dir? Ich sehe dich nur auf roten Teppichen und in sämtlichen Klatschnachrichten, wie immer also!“

„Immerhin berichten sie über ihn vernünftig, im Gegensatz zu deinen Bettgeschichten!“ Oliver kam in den Raum und beide drehten sich zu ihm um. „Hi, ihr Zwerge!“ Er grinste schelmisch und sah zu beiden auf.

„Hallo Großer“, sagte Paul zuerst und sie umarmten sich.

„Hi du Oberzwerg!“, wandte Oliver sich an Henry, der schmunzelte. Henry war von ihnen drei am größten, was sie ihm manchmal ein bisschen übel nahmen. Außerdem verdiente er mit Abstand am meisten. Das war ihnen gottseidank egal.

„Kommst du gerade aus New York?“, fragte Henry ihn und ließ sich eher widerwillig von Oliver umarmen, der total darauf stand.

„Genau, du auch oder? Hätte ich ja in deinem Jet mitfliegen können.“

„Hättest du.“ Henry grinste.

„Fliegst du zurück nach New York?“ Oliver rückte strahlend näher, er wollte sich offensichtlich einschleimen.

Henry grinste. „Sorry, nächster Stopp Australien, dann noch mal nach L.A. und dann geht’s für mich zurück nach London zum UCoP-Gelände.“ Er seufzte.

Sofort runzelte Oliver die Stirn.

 

Abends wurde es ruhiger im Haus, er ging ein bisschen an die frische Luft auf dem Landsitz seiner Eltern und setzte sich auf eine Bank im Garten, wo er früher schon immer gerne gesessen hatte, wenn er nachdenken wollte.

„Alles in Ordnung?“ Oliver tauchte hinter ihm auf und ließ sich dann neben ihm auf der Bank nieder.

„Ja!“

„Hmm, du bist still und komisch drauf. Nicht, dass das nicht normal wäre, aber irgendwie anders als sonst. Eine Frau?“

Henry stöhnte. „Was wird das? Ein Verhör?“

„Ich bin dein großer Bruder, auf jeden Fall! Also stimmt es ja?“

Er seufzte wieder. „Ja, aber anders, als du denkst.“

„Aha. Und was macht sie, dass du so komisch bist?“

„Anwesend sein.“

Oliver kicherte. „Eine Frau, die dich mit ihrer Anwesenheit komisch werden lässt … interessant!“

„Oliver vergiss es, da ist nichts. Ich darf auch gar nicht drüber reden!“

„Aaaah! Ein UCoP-Ding also.“ Er grinste. „Ich habe eine Ahnung. Na dann sei nett zu ihr. Wer dich ertragen muss, hat es sowieso schon nicht leicht.“ Er lächelte, klopfte ihm auf die Schulter und verließ den Garten.

Henry seufzte und seine Gedanken gingen kurz zurück zu Beth, bevor er sich ebenfalls wieder ins Haus begab.

 

24. Dezember – Beth

Sie tat einfach so, als wäre heute ein normaler Tag. Nach einem kleinen Frühstück machte sie sich fertig und verließ ihr Zimmer, um durch die Tunnel zum UCoP-Trainingskomplex zu kommen. Mittlerweile kannte sie den Weg beinahe im Schlaf, auch wenn sie die Tunnel immer etwas gruselig fand.

Sie erreichte den Trainingssaal, den sie immer alleine zum Üben benutzte, und begann.

Sie trainierte den ganzen Vormittag und vergaß alles völlig. Heute war sie ganz gut drauf, sie verlor sich in den Liedern und dachte an nichts außer an Schritte und Songtexte.

Irgendwann machte sie eine kleine Pause. Sie hatte sich was zu Essen mitgenommen und nahm sich eine der Wasserflaschen aus den Vorratsschränken, die es überall vor jedem Trainingsraum gab.

Dann machte sie weiter. Bis sie plötzlich Tom vor sich sah.

„Beth!“, bellte er und sie erschrak. Er machte die Musik aus und betrachtete sie. „Was machst du hier?“

„Üben!“, wisperte sie.

„Das sehe ich. Aber warum? Ich habe dir ausdrücklich gesagt, dass du zwei Tage freimachen sollst!“

„Ich habe mich gelangweilt.“

„Wenn du dich langweilst, es gibt so Dinge, die nennt man Fernseher, Laptop oder so. Ruf deine Familie an, aber verbringe die Zeit mal nicht mit Üben.“

Beth stöhnte leise. Wie sollte sie ihm nur begreifbar machen, dass sie das alles nicht wollte. Sie wollte nicht ihre Eltern anrufen und sie wollte auch nicht fernsehen oder so. Überall würde nur Weihnachtszeug laufen und darauf hatte sie keine Lust.

„Was ist los?“, fragte er und sein Ton klang tatsächlich eine Spur verständnisvoll.

„Nichts!“, brummte sie und wandte sich zu ihren Sachen.

„Dann geh jetzt bitte nach Hause. Wir sehen uns übermorgen wieder. Es ist wirklich besser für dich.“

Sie nickte und er verschwand mit einem leisen „Frohe Weihnachten!“

Beth murmelte eine Erwiderung und packte ihre Sachen. So langsam wie möglich schleppte sie sich zurück.

 

Sie verbrachte, nachdem sie geduscht und gegessen hatte, ihre Zeit mit dämlichen Youtube-Videos. Sie hatte eine nette Ballett-Dokuserie gefunden, die hoffentlich weihnachtsfrei war.

Plötzlich klopfe es und Nina stürmte mit wild zerzausten Haaren ins Zimmer. „Beth, warum gehst du nicht ans Telefon?“

„Hmm?“ Beth sah auf. „Oh, ich habe gar nicht draufgeschaut.“ Das war nur die halbe Wahrheit. Sie hatte es absichtlich auf stumm geschaltet, damit niemand aus ihrer Familie sie erreichen konnte.

„Meine Eltern laden dich zum Essen bei uns ein, damit du nicht alleine bist. Komm schon, das wird lustig.“

„Aber …“

„Nichts aber, die würden sich freuen. Wir verbringen den Heiligabend immer mit Freunden, Bekannten und Verwandten. Wenn du willst, kannst du auch bei mir schlafen. Dann gibt’s morgen noch das beste Frühstück der Welt!“ Sie grinste.

„Aber ich habe kein Geschenk und eigentlich mag ich Weihnachten nicht sonderlich.“

Nina betrachtete sie. „Aber wir sind doch Freundinnen oder?“

„Ja!“, gab Beth zu.

„Und du möchtest doch bestimmt mal wieder aus dem Muff hier heraus oder?“

„Ja“, gab Beth erneut zu.

„Meine Eltern wohnen in einem Bungalow hier auf dem Gelände. Du darfst nicht erzählen, wer du bist, wir sind nur Freundinnen beziehungsweise Kolleginnen. Komm schon, das wird lustig. Du brauchst kein Geschenk und wenn du Weihnachten nicht magst, sehe es als vergnügliche Party mit dem Motto Weihnachten.

Beth seufzte. Gegen Nina kam sie einfach nicht an.

 

Eine Stunde später machten sie sich auf den Weg. Nina hatte ihr ein paar normale Klamotten besorgt, denn ihre Alten, die sie aus Berlin mitgebracht hatte, passten schon lange nicht. Jetzt trug sie eine dunkelblaue Jeans und einen hellblauen Pullover, der ihr gut stand. Ihre Haare hatte sie schlicht nach hinten zu einem Zopf gebunden.

Es wurde ein netter Abend, Nina lenkte Beth gewaltig ab und sie verzogen sich ziemlich schnell in eine ruhige Ecke zum Reden. Das bewahrte Beth auch davor unangenehme Fragen zum Beispiel nach ihrem Job beantworten zu müssen.

„Hier ist es echt nett!“ Sie und Nina saßen in einer gemütlichen Couch im Wintergarten, der ein wenig abseits im Haus lag, sodass keiner so leicht hinkam.

„Ja, das hier ist mein Lieblingsplatz, seitdem sie hier wohnen.“

„Wie lange wohnen sie denn hier?“

Nina nippte an ihrem Glas Wein, was sie für sich und Beth besorgt hatte, die ihres auf den Tisch gestellt hatte. „Hmm, ungefähr zehn Jahre. Meine Mutter ist ein hohes Tier in der Personalabteilung, ich denke, dass sie weiß, wer du bist, aber wir reden nicht darüber. Mein Vater wiederum arbeitet direkt unter Ori in der Marketingabteilung. Einige der letzten großen erfolgreichen Werbekampagnen sind von ihm. Hast du die mit Alpha gesehen zur letzten Saison, wo sie alle einen auf Party zu „I can´t dance“ von Phil Collins machen?“

Beth nickte. „Die war witzig!“

„Ist auch von ihm. Vielleicht tüftelt er schon an Sachen für dich.“

„Das kann ich mir nicht vorstellen!“ Beth seufzte. „Vor allem nicht mit Henry.“

„Ich weiß, du findest ihn beängstigend, aber versuch das doch einfach mal zu ignorieren. Ich meine, er war doch in der letzten Zeit nett oder?“

„Na ja, wenn du mit „nett“ meinst, dass er nichts sagt, ja. Im Ernst Nina, wie soll das gehen?“

„Ich weiß es nicht, aber was ich weiß, ist, dass du es schaffen wirst. Ehrlich, ich habe das im Gefühl. Das hier ist erst der Anfang!“

 

25. Dezember – Minny

24 Tage, 24 Geschichten, 12 Alphas!

Ich bedanke mich bei allen, die die kleinen Geschichtchen gelesen haben. Wer das Buch Alpha One kennt, dem werden die Geschichten bzw. Szenen zu einem geringen Teil bekannt vorkommen. Man lernt alle, bis auf Beth vielleicht, auch auf neue Art und Weise kennen. Vermutlich könnte ich zu jedem und jeder ein Buch schreiben, aber in meinen Büchern geht es nun einmal um Beth und die bekommt viele Dinge eben nicht mit. Aber wie ihr seht, die anderen habe ich durchaus im Kopf 😉

Für alle, die Alpha One nicht kennen: Wenn ihr wissen wollt, wie es mit Beth weitergeht und ob das alles erst der Anfang ist, darauf gibt es eine Antwort 😉

Mir hat dieser Dezember großen Spaß gemacht, vielleicht werde ich irgendwann wieder eine  kleine Kurzgeschichtenreihe machen, mal schauen, was mir sonst noch so einfällt. Jetzt brauche ich ein bisschen Zeit für mein viertes Buch, das schreibt sich leider nicht von alleine 😀

Ich denke übrigens die ganze Zeit schon darüber nach, welche Geschichte bzw. welchen Tag ich am besten fand und finde das echt schwierig … Sean das Schnitzel? Da habe ich zumindest am meisten gelacht … Feo und Charlotte mit ihren Dramamomenten? Henry? Ich meine es ist  Henry!

Ich kann es nicht entscheiden, falls jemand eine Meinung dazu hat, darf man sie mir gerne mitteilen 😀

So und jetzt?

ENDE :-*