Alpha 100

 

 

Der dritte Teil der Alpha-Reihe ist als E-Book exklusiv bei Amazon erschienen und als Taschenbuch (ISBN: 9783745046779) überall erhältlich.

 

Inhalt:

Job verloren, Liebe gefunden! So könnte man Beths Leben zusammenfassen.

Doch sie will kämpfen und tut das nicht allein. Zusammen mit Henry stellt sie sich der nächsten großen Herausforderung, denn das Jubiläum steht an: Die 100. UCoP-Season! Wird es ein Fest oder folgt das nächste, noch größere Drama?

 

 

Leseprobe? Hier gibts das erste Kapitel, aber ACHTUNG! SPOILERGEFAHR! Wer Alpha One und Alpha Two nicht gelesen hat, sollte hier nicht weiterlesen …

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

1. Kapitel

 

Beth zitterte vor Kälte. Erst ganz leicht in harmlosen Schauern. Doch dann wurde das Zittern stärker.

Kein Wunder, sie war komplett durchnässt, bis auf die trockene Jacke, die über ihren Schultern hing. Eigentlich hätte das umgekehrt sein müssen, die Jacke nass, sie trocken. Aber so war es nicht.

„Du zitterst!“

Bis auf das Zittern rührte sie sich nicht. Sie wollte nicht, dass der Augenblick zu Ende ging, denn das würde bedeuten, dass sie die Realität wieder einholen würde und sie wusste nicht, ob sie alles verarbeiten konnte, was in den letzten Stunden passiert war. Sie spürte einen Anflug von Kopfschmerzen, vermutlich durch das Weinen, denn vor einer Viertelstunde hatte sie sich noch sprichwörtlich die Seele aus dem Leib geheult.

„Beth, du zitterst!“ Henrys Arme schlangen sich um sie und zogen sie dicht an ihn heran. „Beth?“

Sie seufzte. „Mir ist kalt!“ Sie fühlte sich wie pures Eis.

„Wir gehen!“, befahl Henry.

Sie seufzte wieder. „Ich will nicht, dass das hier endet.“ Sie sah hoch zu ihm. Auch ihre Lippen zitterten und sie versuchte das unter Kontrolle zu bringen. Sie wollte nicht weg, sie wollte nicht, dass dieser Traum platzte. Wenn bloß das verdammte Zittern nicht gewesen wäre.

Doch Träume endeten immer, auch wenn man es nicht wollte. Sie wurden entweder abrupt beendet oder eben durch blöde Zittereinheiten gestört. Genau wie jetzt, wo sie neben Henry lag – und zwar in seinen Armen. Das tat sie nicht aus Jobgründen, sondern weil Henry ihr vor keiner Viertelstunde gesagt hatte, dass er sie liebte. Und sie liebte ihn. Doch das zuzugeben hatte sehr lange gedauert. Das ganze Drama, weil keiner richtig zu seinen Gefühlen stehen konnte, hatte dazu geführt, dass sie nach der nächsten Season, der Jubiläumsseason, keine Alpha Ones, nicht einmal mehr UCoP-Performer sein würden.

Sie, die sie die Superstars der Superstars waren, die Topperformer der United Confederation of Performance, kurz UCoP, denen nachgesagt wurde, dass sie die beiden besten Tänzer und Sänger der Welt waren. Genau sie beide hatten ihren Job verloren, würden nicht mehr Teil der gigantischen, weltweit übertragenden Shows sein, und das, weil sie in den letzten Monaten nur mit sich selbst beschäftigt gewesen waren, anstatt sich um ihr Team und ihre Karriere zu kümmern. Für sie würde es keine Shows mehr nach dem Jubiläum, die die 100. UCoP-Season war, geben. Sie würden danach nicht mehr Teil des Alphateams sein, denen sie als Nummer 1 vorgestanden hatten. Sie würden ihre zehn Kolleginnen und Kollegen verlieren, die stinkwütend auf sie waren. Und sie würden auch nicht mehr dem Beta- und Gammateam vorstehen, was man als Alpha One automatisch tat. Bis einschließlich des Jubiläums durften sie zwar ihre Nummer 1 behalten, aber offiziell würden Sean und Claire als Nummer 2 den Teams vorstehen. Was würden diese dazu sagen, dass sie es vermasselt hatten, und was würden die Fans, nein, die ganze Welt dazu sagen?

 

Erst jetzt, seit einer Viertelstunde, hatten beide sich gegenseitig eingestanden, was sie wirklich fühlten und was sie wirklich wollten.

Beth konnte immer noch nicht fassen, dass Henry zugegeben hatte, dass er sie liebte und erst recht konnte sie nicht fassen, dass er eine Beziehung wollte. Keine festen Beziehungen, keine Beziehungen mit UCoP-Frauen und erst recht kein Eingeständnis von Gefühlen, war bisher Henrys Credo gewesen.

Doch jetzt war alles anders. Aber würde es so bleiben? Jetzt hier in einem verstaubten Trainingssaal des UCoP-Trainingskomplexes schien die Welt in Ordnung, doch würde es so bleiben? Angst durchzuckte sie.

Henry ergriff plötzlich ihr Kinn, sodass sie ihm direkt in die Augen sehen musste. „Wir gehen und alles bleibt so wie jetzt. Ich verspreche dir, dich nicht noch mal zu verlassen.“

Das hatte er getan, zweimal. Zweimal hatte er sie schon geküsst, zweimal hatte er sie danach sitzen lassen. Das machte den Kern ihrer Angst aus und sie wusste, dass ein drittes Mal sie vernichten würde.

„Bitte Beth, du wirst sonst krank!“, flehte er.

Sie seufzte und versuchte die Angst vor dem Gehen zu unterdrücken. Wenn ihr doch bloß nicht so verdammt kalt gewesen wäre.

Sie schob sich selbst weg und saß plötzlich allein auf dem Boden. Henry hatte sich in Sekundenschnelle hochgestemmt und sie damit erschreckt. Doch statt sich zu entschuldigen, reichte er ihr in seiner jeher typischen Manier die Hand, um sie zu sich heraufzuziehen.

„Das hast du hier zum ersten Mal gemacht“, murmelte sie und erinnerte sich. In diesem Saal hatten sie sich vor gut zwei Jahren das erste Mal richtig unterhalten und beschlossen es zusammen als Performpaar zu probieren. Das war eine schwierige Sache gewesen, denn Beth war neu und völlig ahnungslos ins Team gesteckt worden und Henry, der damals noch alleine der Alpha One war, wollte sie am liebsten loswerden.

„Stimmt! Ich darf doch, oder?“

„Du hast noch nie gefragt, damit brauchst du jetzt auch nicht mehr anfangen.“ Sie verdrehte die Augen und ließ sich von ihm hochziehen. Doch anstatt sie loszulassen, behielt er ihre Hand fest in seiner. Beth betrachtete ihre ineinander verschlungenen Hände. Wieder überkam sie ein Schauer, denn sie hatte selten etwas Schöneres gesehen und gefühlt.

„Du bist wirklich klatschnass, warum hattest du bloß keine Jacke an?“, flüsterte er und strich mit einer Hand eine feuchte Strähne hinter ihr Ohr.

Sofort verzog Beth das Gesicht bei dem Gedanken, warum sie einfach abends im Regen ohne Jacke rausgerannt war. Unverzüglich schaute sie auf den Boden. Doch Henry ließ sie nicht davonkommen. Seine Hand, die gerade noch die Strähne weggestrichen hatte, schnellte zu ihrem Gesicht und schon zog er ihr Kinn zu sich herauf.

„Warum?“, drängte er.

Sie seufzte. „Ich musste einfach weg. Ich war Zuhause und Toms Rausschmiss ließ mir keine Ruhe. Dann ganz plötzlich merkte ich, dass ich nicht mehr Atmen konnte. Ich habe Panik bekommen. Da war es mir egal, was ich anhatte.“ Beth musterte ihn vorsichtig.

Er betrachtete sie mit seinen dunkelblauen Augen, die sie an Saphire erinnerten. Plötzlich zog er sie wieder zu sich und küsste sie. Sofort fühlte sie sich fern von Raum und Zeit. Sie war es, die sich näher zu ihm zog, weil er im Gegensatz zu ihr, sich so wunderbar warm anfühlte. Bereitwillig umschloss er sie in seine Arme, bis Beth merkte, dass sie langsam weiche Knie bekam. Vorsichtig löste sie sich von ihm, seufzte erneut und ließ sich gegen ihn sinken. „Dieser Tag ist einfach zu viel. Ich habe das Gefühl, ich erlebe die ganze Palette an Emotionen von einem Jahr an nur einem Tag.“ Sie flüsterte und trotzdem hatte sie das Gefühl, das sie noch enorm laut klang in diesem Saal.

„War nicht gerade unser Standarttag!“ Er schmunzelte.

Sie schüttelte den Kopf.

„Lass uns trotzdem jetzt gehen. Ich will nicht, dass du dich erkältest.“

Sie grinste.

„Das ist überhaupt nicht lustig!“, brummte er.

„Doch irgendwie schon, denn jetzt kannst du endlich offensichtlich besorgt sein!“

Er starrte sie perplex an und überlegte wohl, wie sie das meinte.

„Ich meine, als mein Freund …“ Eine Gänsehaut breitete sich über ihrer Haut aus, nicht wegen der Kälte, sondern allein deswegen, weil sie diese Worte aussprach, die ihr immer noch unglaublich schienen. „Na ja, als mein Freund kannst du eben besorgt sein“, murmelte sie.

Jetzt begriff Henry. „Oh ja, und wehe, einer kommt dir zu nahe …“ Ein diabolisches Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus. Er nutzte die Gelegenheit und zog sie mit in Richtung Ausgang. Beide traten auf den breiten Gang, während die Tür hinter ihnen leise ins Schloss fiel.

Er ging zielstrebig voran, während sie wie ein nasser Hund neben ihm tapste. Sie betrachtete verstohlen seine Hand, die sich fest und warm um ihre geschlungen hatte. Schmetterlinge flatterten wild in ihrem Bauch. „Wie verfahren wir denn weiter?“, fragte sie plötzlich.

„Hmm?“ Mit dunkler Stimme wandte er sich zu ihr runter, anscheinend hatte er gerade eigenen Gedanken nachgehangen.

„Ich war noch nie mit einem Superstar zusammen, wie verhält man sich da? Also ich meine in der Öffentlichkeit? Muss ich damit rechnen, dass du mich dort wie Luft behandelst?“

Er grinste. „Interessantes Wort … „Verfahren“!“

„Mir fiel nichts Besseres ein und ich bin mir immer noch nicht sicher, ob das nicht alles ein Traum ist.“

„Nichts hiervon ist ein Traum.“ Er drückte ihre Hand doller. „Ansonsten habe ich keine Ahnung, wie wir verfahren sollen. Ich habe schließlich alle meine Prinzipien über Bord geworfen.“

Leidend verzog sie ihr Gesicht. „Die werden mich alle umbringen!“

„Wer wird dich umbringen?“, erkundigte er sich und schien schon wieder irritiert.

„Na ja alle! Die gesamte Frauenwelt … und, oh Gott, Lilian spricht nie wieder mit mir! Ich werde so was von rasant im Beliebtheitsranking fallen.“

„So ein Quatsch, du wirst nicht fallen. Hier kann dir keiner was, und für alle da draußen wird vermutlich ein Bilderbuchmärchen wahr … Hast du dir nie die Schlagzeilen bei den Gerüchten in den letzten Wochen angesehen? Du bist so was wie eine Prinzessin, die ihren Prinz Charming gefunden hat.“ Er würgte theatralisch und Beth kicherte. „Mal abgesehen davon, werde ich dasselbe Problem haben.“

Jetzt schaute Beth ihn irritiert an.

Er verdrehte die Augen. „Ernsthaft Beth … Selbstbewusstsein! Habe ich nicht schon irgendwann mal erklärt, dass du eine Zehn bist und dass ich absolut nicht der Einzige bin, der das denkt?“

Beth wurde dunkelrot im Gesicht und wagte es nicht, Henry weiter anzuschauen. Doch genau das hatte er schon mal erklärt. Sie wusste, dass er und seine Freunde ein internes Frauenbewertungssystem besaßen, was sie total sexistisch fand. Von 1 bis 10 gab es Rankings und sie war angeblich ein seltene 10.

Sie erreichten den riesigen Eingangsbereich des Trainingskomplexes und automatisch schaute Henry nach oben in Richtung der Büros, die dort erhaben über den Trainingssälen lagen. Hier war es wie im gesamten Komplex gespenstisch ruhig. Heute hatte hier keine einzige Trainingseinheit stattgefunden, denn alle sollten sich vom Berlin-Konzert regenerieren, das erst vor 48 Stunden stattgefunden hatte. Das kam ihr bereits wie eine Ewigkeit her vor.

Plötzlich spannte Henry sich an. „Komm mit!“, knurrte er und zog sie mit zur Treppe, die hinauf führte.

„Was hast du vor?“

Er lief mittlerweile ein Stück vor ihr, immer noch mit ihrer Hand in seiner. Ruckhaft drehte er sich um. „Beth, wir haben nicht gekämpft!“, schimpfte er energisch.

Sie runzelte die Stirn.

„Im Ernst, wir haben heute unsere Jobs verloren und haben nicht einen Augenblick wirklich um sie gekämpft, sondern uns freiwillig rauswerfen lassen. Wir müssen zu Tom!“

„Du willst jetzt noch darum kämpfen?“ Es war nur wenige Stunden her, dass sie bei Tom, UCoPs CEO, Cheftrainer und ehemaligem Alpha One, gesessen hatten. Er war es, der ihnen mitgeteilt hatte, dass sie gehen mussten. Er hatte sie bereits vor einigen Wochen davor gewarnt, weil ihre Leistungen schlecht und ihre Aufmerksamkeit gering waren. Doch dass er sie auch tatsächlich rauswerfen würde, hätte sie nicht gedacht. Schmerz erfüllte ihre Brust.

„Ja! Er kann uns nicht rauswerfen, wir sind die besten Performer seit ihm und außerdem sind wir auch gute Teamleader. Wir lassen uns das nicht einfach nehmen und garantiert überlassen wir nicht Sean und Claire die Macht. Wir gehen JETZT zu Tom!“

„Aber es ist spät, er wird nicht mehr arbeiten.“ Beth seufzte, aber konnte ihn verstehen. Sie mochte Sean und Claire, aber als Teamleader konnte sie sich die beiden nicht vorstellen.

„Du irrst dich, er arbeitet garantiert noch.“ Energisch, ganz der selbstbewusste Superstar, zog er sie weiter und dann oben den Flur entlang, bis sie vor Toms Büro standen.

Beth war immer noch zu verwirrt, um sich zu wehren. Der Flur lag ruhig da, keine Menschenseele schien hier zu sein. Doch Beth erkannte unter Toms Tür einen leichten Lichtschein.

Henry klopfte und wartete.

Ein extrem bellendes „Herein!“ verriet beiden, dass Toms Laune sich seit dem Mittag nicht verbessert hatte.

Henry öffnete die Tür und zerrte Beth förmlich hinterher. „Hi Tom“, rief er und wirkte in keiner Weise irgendwie angespannt. Beth lugte an ihm vorbei in Richtung des Schreibtisches, an dem Tom saß und anscheinend gerade telefonierte, während er irgendwelche Papiere durchging.

Er blickte auf und sein Blick durchdrang beide. „Sorry, ich rufe später zurück!“, knurrte er kurz angebunden ins Telefon und legte tatsächlich sofort auf. Beth schluckte, als er sich erhob, seinen Schreibtisch umrundete, sich dagegen lehnte und die Arme vor sich verschränkte. Seine eisblauen Augen verzogen sich zu stechenden und analysierenden Schlitzen, wie bei einer Schlange, kurz bevor sie zubiss. „Was MACHT ihr hier? Hattet ihr für heute noch nicht genug?“

Henry ließ sich davon nicht beirren. „Tom, wir wollen unsere Jobs behalten und wir wollen bleiben.“ Beth merkte, dass er nicht so ruhig war, wie er tat, seine Hand verkrampfte sich etwas, als er immer noch stur ihre hielt.

„Ach, wollt ihr das? Das hättet ihr euch eher überlegen sollen!“

„Tom …“

„Henry, ihr hattet genug Chancen! Besonders du!“

„Aber da waren wir nicht zusammen …“, hörte Beth sich murmeln und plötzlich wurden beide Männer still.

„Was?“ Tom blickte sie verständnislos an.

Sie räusperte sich. „Das Problem bisher waren doch wir – also ich und Henry, die nicht miteinander klarkamen. Wir waren zu sehr mit uns beschäftigt, weil wir beide es zugegebenermaßen nicht hinbekommen haben, uns einzugestehen, was wir wirklich wollen.“ Sie spürte, wie Henrys Hand die ihre drückte. „Wir wollten zwar unsere Jobs behalten, aber haben uns gegenseitig ausgespielt.“

Tom unterbrach sie ziemlich ruppig: „BETH, was willst du mir sagen?“

Sie atmete durch. „Ich will damit sagen, dass wir keine Chance hatten uns zusammen zu beweisen, also Henry und ich, ääähm, als Paar.“ Sie ließ die Worte kurz durch den Raum schallen, doch das Gefühl, das zu sagen, blieb eigenartig. Aber es war ja auch noch nicht viel Zeit vergangen, seitdem Henry ihr seine Liebe gestanden hatte. „Wir haben bisher nicht für unsere Jobs gekämpft, weil wir damit beschäftigt waren, für uns zu kämpfen. Du hast recht, wir waren schlechte Teamleader, aber du weißt auch, dass wir das eigentlich nicht sind. Wenn wir also das eigentliche Problem beseitigt hätten, hätten wir dann nicht noch eine Chance verdient?“ Sie atmete durch. Unglaublich, dass sie trotz der Lage und trotz des Gefühlschaos noch so eine logische Schlussfolgerung ziehen konnte.

Tom bemerkte anscheinend erst jetzt ihre Hände, die sie weiterhin krampfhaft ineinander verschränkt hatten. Theatralisch atmete er laut aus. „Habt ihr es also eeeendlich begriffen, ja?“ Er verdrehte die Augen. „Ich interpretiere doch richtig?“

Beide nickten.

„Ernsthaft, ich habe noch nie zwei Menschen getroffen, die so begriffsstutzig waren. Ich musste euch rauswerfen, damit ihr das merkt, ist euch das klar?“

„Wir wollen bleiben!“, erwiderte Henry. „Beth hat recht, wir haben deswegen nicht richtig gekämpft. Wir wollen noch eine Chance, es gibt niemand Besseren als uns.“

„Das weiß ich!“, brummte Tom. „Warum glaubt ihr, habe ich euch so viel Zeit gelassen? Garantiert nicht, weil ich so geduldig bin.“ Er seufzte. „Setzt euch!“ Er wies auf seine gemütliche Sitzecke, die Beth erschaudern ließ. Hier hatte sie vor einigen Stunden gesessen und so ziemlich das Schrecklichste zu hören bekommen, das sie sich vorstellen konnte. Doch sie war die Erste, die darauf zuging und damit Henry losließ, was sie sofort bedauerte. Immer noch zitternd, obwohl es in Toms Büro angenehm warm war, ließ sie sich auf dem Sofa nieder. Sie fühlte sich schlapp und müde.

Wenige Sekunden später saß Henry neben ihr und betrachtete sie, bis er sich wieder an Tom richtete. „Wir bitten dich wirklich uns noch eine Chance zu gewähren.“

Tom seufzte laut, als er sich in seinen Sessel setzte. „Ihr seid wie zwei Kinder. Ihr könnt nicht immer machen, was ihr wollt! Ich kann meine Entscheidung nicht einfach zurücknehmen und ehrlich gesagt, will ich das auch gar nicht.“ Plötzlich visierten seine Augen Beth an. „Beth, warum bist du eigentlich so nass? Du zitterst und deine Lippen sind ganz blau“, bemerkte er vorwurfsvoll und warf dann einen drohenden Blick zu Henry.

„Ich bin planlos durch den Regen gelaufen“, murmelte sie schnell, bevor er Henry irgendwelche Vorwürfe machte.

„Du wirst dich erkälten, das können wir bei dem engen Zeitplan in den nächsten Wochen nicht gebrauchen!“ Grimmig stand er auf, ergriff den Hörer seines Bürotelefons und drückte, wie Beth erkennen konnte, nur auf eine einzige Taste. Drei Sekunden später schien schon jemand abzunehmen, denn Tom begann zu sprechen: „Ich brauche SOFORT ein Handtuch, eine Decke, einen Becher …“ Sein Blick wanderte zum Sofa, wo Beth sich halbwegs zusammengekauert hatte und Henry eng neben ihr saß, ohne sie zu berühren. Anscheinend traute er sich vor Tom nicht. „… Besser zwei Becher heißen Tee. Und irgendwas zum Anziehen, was da ist!“ Damit legte er auf. Beth fand es krass, wie Tom mit seinem Personal herumsprang. Vermutlich zitterten alle, sobald das Telefon klingelte. Er kam zurück und setzte sich. In diesem Augenblick klopfte es und einer von Toms Assistenten oder eher Untertanen, wie Beth im Kopf umformulierte, betrat den Raum. Er wirkte gehetzt und Beth konnte beobachten, wie er unauffällig durchatmete. In den Händen hielt er ein Handtuch, eine Decke und irgendwas Eingepacktes.

Tom drehte sich nicht einmal um, Henry war es, der die Sachen entgegennahm und einmal prüfend drüberschaute. Beth verdrehte die Augen darüber. Sie riss ihm förmlich die Decke und das Handtuch aus der Hand und stand auf. Die Decke legte sie auf ihren Platz. Toms Assistent reichte ihr dann das Eingepackte. Bei kurzem Draufschauen erkannte sie ein paar UCoP-Fanklamotten. „Danke!“, sagte sie leise zu ihm und er nickte schnell, bevor er wieder verschwand.

„Ich gehe mal“, wandte sie sich an Tom, welcher brummte.

Vielleicht fünf Minuten später war sie von der Toilette zurück. Sie hatte sich etwas die Haare trocken gerubbelt und sie erneut zurückgebunden. Trotzdem sah sie noch ziemlich zerzaust aus. Ihren Pullover hatte sie gegen den nagelneuen viel zu großen Fanpullover getauscht, auf dem sich nur das UCoP-Zeichen befand. Er roch auch unangenehm neu, aber Beth war trotzdem froh, ihn tragen zu können. Ihre Hose hatte gottseidank nicht ganz so viel abbekommen und ihre Füße waren noch trocken, wenn auch eiskalt. Ihr Gesicht sah noch schlimmer aus, als befürchtet, irgendwie geschwollen und dazu mit megagroßen Augenringen. Ihre Augen waren leicht rot und ihre Haut gleichzeitig leichenblass. Wie ein Zombie, dachte sie bei sich.

Sie klopfte vorsichtig an die Tür und wieder folgte ein brummiges „Herein“. Beth betrat den Raum und blickte zu Tom, der sie musterte und dann leicht nickte, dann wanderte ihr Blick zu Henry.

Sie traf der Schlag. Seine Augen strahlten. Er selbst wirkte angespannt, aber seine Augen strahlten … Sofort fing ihr Herz an zu klopfen. Gerade eben hatte sie noch überlegt, ob durch ihre Abwesenheit sich irgendetwas geändert hatte und sie hatte Angst bekommen, dass Henry sie wieder fallenließ. Aber dem war nicht so, sein Blick sprühte nur so vor Liebe. Eine leichte Röte trat in ihr Gesicht und schnell ließ sie sich auf das Sofa fallen, um sich dann in die Decke zu kuscheln.

Ein großer Becher Tee stand vor ihr, anscheinend Earl Grey und sie fragte sich, ob da einfach jemand gut gewählt hatte oder man über Beths und Henrys Teetrinkgewohnheiten Bescheid wusste.

„So!“ Beths Kopf ruckte hoch, sie war schon wieder in Gedanken gewesen und zusätzlich noch ganz berauscht von Henrys Blick. Tom visierte mit seinem Schlangenblick beide an. „Dann reden wir mal offen!“

Beth schluckte.

„Ist das hier eine Beziehung? Oder noch mehr Drama?“, fragte er direkt.

Beth holte Luft.

„Eine Beziehung!“ Henry antwortete schneller und Beth sah augenblicklich wieder zu ihm. Seine Augen leuchteten immer noch und er zwinkerte ihr zu.

„Beth?“ Anscheinend wollte Tom auch eine Antwort von ihr.

„Beziehung“, murmelte sie und konnte es wieder einmal nicht fassen.

„Okay.“ Tom atmete tief durch. „Ich warne euch! Geht das schief, reiße ich euch eure Köpfe ab. Ihr müsst euch bewusst sein, was das bedeutet. Der Medienrummel wird riesig und ich vermute, auch intern wird das einiges aufwühlen.“

Beth schluckte erneut. Henry neben ihr brummte.

„Ihr wollt also eine Chance? Habt ihr eine Ahnung, was ihr in den letzten Wochen bereits für ein Drama veranstaltet habt? Habt ihr mitbekommen, was außerhalb eurer Blase alles passiert ist?“

Beth schüttelte den Kopf. Es half nichts, sie musste ehrlich sein, Tom würde sowieso wissen, dass sie nichts mitbekommen hatten.

„Ihr seid wenigstens ehrlich.“ Anscheinend hatte also auch Henry den Kopf geschüttelt. „Alle sind in Aufruhr, weil allgemein bemerkt worden ist, dass ihr „Stress“ habt – nennen wir es mal so. Allgemein ist die Verunsicherung groß, keiner weiß, was los ist, aber es gehen die unterschiedlichsten Gerüchte umher. Die Details erspar ich euch.“

Beth starrte Tom an und fand es unglaublich, dass er das alles wusste.

„In eurem Team macht mir momentan neben euch beiden, Minkah am meisten Sorgen. Ist euch aufgefallen, dass sie oft kleine Fehler macht und noch ruhiger ist als sonst? Ihr Ausdruck ist schrecklich.“

Beth schluckte. Das war ihr nicht aufgefallen.

„Und Claire ist wahnsinnig aggressiv, aber das liegt vermutlich auch an euch. Bei euch Männern …“ Tom sprach direkt mit Henry: „… ist es Sean, der etwas abwesend wirkt. Ben wiederum ist zu übereifrig. Hatte er nicht auch eine neue Freundin?“

„Ja“, antwortete Beth.

Tom stöhnte. „Anscheinend spielen bei euch allen die Hormone verrückt.“ Er schüttelte den Kopf. „Dafür seid ihr verantwortlich. Euer Job ist es, für Ordnung zu sorgen. Darin habt ihr seit einiger Zeit kläglich versagt. Also frage ich euch noch einmal, warum sollte ich euch eine Chance geben?“

Beth schluckte. „Wir haben es nicht verdient“, murmelte sie, aber sowohl Henry als auch Tom konnten es hören. Henry erstarrte förmlich. „Wir haben anscheinend viele Fehler gemacht und sie nicht erkannt. Dafür gibt es keine Entschuldigung. Aber ich will nicht gehen und ich weiß, dass ich es besser kann. Henry sowieso. Ich will nur eine Chance, das zu beweisen.“

„Wir wollen eine Chance das zu beweisen“, ergänzte Henry und ergriff ihre Hand und drückte sie fest. „Und anscheinend hat Beth gerade einen Anfall von Selbstbewusstsein.“ Er schmunzelte.

Tom hatte die Augenbraue erhoben. „Scheint so.“ Er seufzte und stand auf. Er ließ sie zappeln, während er wild durch den Raum lief.

Beth warf wieder einen Blick zu Henry. Der wiegte den Kopf hin und her. Anscheinend dachte auch er, dass es für beide auf der Kippe stand. Er drückte ihre Hand. Mit der anderen Hand ergriff er den Teebecher und nahm einen Schluck.

Beth tat es ihm gleich und seufzte innerlich bei der Wärme des Tees.

 

Tom ließ sie lange zappeln. Beth hatte ihren Tee auf und starrte inzwischen nur noch nach unten. Das Einzige, was sie noch irgendwie gerade am Leben hielt, war Henrys warme Hand, der angefangen hatte, gedankenverloren ihre Hand mit seinem Daumen zu streicheln. Eine absolut liebevolle Geste, die Beth zwischendrin immer wieder Schauer bescherte.

„Also schön!“ Toms Stimme durchschnitt die Stille und Beth zuckte leicht. „Es gibt eine Chance, aber ich garantiere für Nichts! Dafür erwarte ich einige Dinge. Erstens seid ihr eine Weile vom Teamleaderamt suspendiert, damit ihr mal seht, was die anderen so erleben müssen. Eure Nummer behaltet ihr der Einfachheit halber, wie das ja auch eh geplant war, und Sean und Claire übernehmen. Zweitens will ich, dass eure Beziehung, wenn es denn tatsächlich eine werden sollte, erstmal unter Verschwiegenheit bleibt. Ich will keinen Medienrummel, sondern Ruhe. Ich will im Trainingssaal Ruhe und vor allem will ich in den Teams Ruhe. Das heißt, ihr werdet euch zusammenreißen! Schafft ihr das nicht, fliegt ihr!“

Beth starrte ihn an.

„Drittens werdet ihr, falls ich euch als Teamleader wieder einsetzen sollte … wohlgemerkt SOLLTE … einige Extraaufgaben bekommen …“ Er sah beide unverwandt an, Beth runzelte verunsichert die Stirn. „Ihr werdet mehr für Beta und Gamma eingespannt, ihr werdet Einheiten ÜBERNEHMEN und ihr werdet in der Akademie beziehungsweise bei den V-Teams als gute Beispiele vorangehen …“

„WAS?“, fragte Henry entrüstet, doch weiter kam er nicht.

„Genau das! Zu meiner Zeit gehörte es dazu, dass die Alpha Ones nicht nur für ihre Teams verantwortlich waren, sondern auch Unterstützer der zukünftigen Generation darstellten. Ehrlich gesagt ist das dann in meiner Zeit eingeschlafen, weil ich darin nie einen Sinn sah, bis heute. So ein paar Grundlagen in Sachen gutes Beispiel und Teamzusammenhalt können euch absolut nicht schaden. Schafft ihr das alles, dürft ihr vielleicht nach der Jubiläumsseason bleiben und ich setzte euch wieder ein!“

Damit hatte Tom sein Machtwort gesprochen.

 

 

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken