Henrys Rede zur Lage der UCoP-Nation oder wie Beth als Alpha One bekannt gegeben wurde

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Kapitel 1

„Morgen!“, rief er in die Runde und legte seine Sachen sorgfältig an den Rand. Die anderen fünf schienen auch noch nicht so lange da zu sein und auf ihn zu warten. „Sollen wir loslegen?“, fragte er.

Alle bejahten und folgten ihm auf die Tanzfläche, wo sie als Erstes alle getrennt voneinander im eigenen Tempo Bahnen liefen. Das artete meistens aus, wenn sie alleine unter sich waren, so auch heute.

„Hah, ich war schneller!“ Sean hob triumphierend die Arme in die Luft.

„Das ist hier kein Wettbewerb“, motzte Henry und ärgerte sich, dass er nicht schnell genug geschnallt hatte, dass Sean wegrannte. Sonst hätte er definitiv nicht gewonnen.

Sean grinste weiter, sparte sich aber jeden Kommentar.

Schließlich saßen sie im Kreis und machten ein paar Dehnübungen.

„Ist Beth heute dabei?“, fragte plötzlich Thien.

Henry schaute auf. „Ja, warum?“

„Das fragen wir uns schon seit vorgestern, als ihr beide diese Leistung abgerufen hat.“

„Sie ist gut, oder?“ Henry grinste.

„Wir haben das Gefühl, dass sie uns jetzt schon schlägt.“ Feo verdrehte die Augen.

„Sie tanzt ja auch mit mir, da muss sie besser sein“, konterte Henry selbstsicher.

Sean kicherte, beherrschte sich aber nach Henrys Blick gleich wieder.

„Was, Sean?“

Der guckte schnell weg. „Nichts.“

Henry brummte und alle anderen hielten sich zu ihrem Glück still.

Wenig später waren sie fertig. Henry schaute auf die Uhr und stellte fest, dass sie pünktlich waren, also ließ er sich Zeit. Die anderen warteten automatisch auf ihn.

Zusammen liefen sie schließlich zum großen Trainingssaal, wo, wie von ihm vorgesehen, bereits alle anderen anwesend waren.

Sofort waren die Blicke auf ihnen sechs, ebenfalls wie beabsichtigt. Er wusste, dass nicht nur er das genoss, den anderen fünf ging es nicht anders. Er ließ kurz einmal den Blick über die Tribüne kreisen und stoppte einen Moment bei Beth, die unten auf seinem Platz neben Claire saß. Sie schaute gerade nicht zu ihm, sondern sah mit Claire ebenfalls auf die Tribüne. Dann grinsten beide und sprachen miteinander. Er fragte sich, ob Claire nichts gesagt hatte, dass das eigentlich sein Platz war. Es schien nicht so. Dann überlegte er, ob er sich darüber aufregen sollte.

Sie kamen an der Tribüne an und während die anderen fünf sich auf ihre Plätze begaben, lief er weiter zu Tom.

„Hallo Tom.“

„Seid ihr einsatzbereit.“

„Klar“, antwortete er selbstbewusst.

„Beth ist heute mit dabei, du entscheidest, was sie bei den Paartänzen mitmacht.“

„Sie kann noch nichts.“

„Sie sollte schon irgendwie präsent sein und wenn es nur kurz ist“, knurrte Tom.

Er dachte einen Moment nach und nannte schließlich einen Songtitel. „Dazu haben wir gestern getanzt.“

„Gut, kommt dann als erstes.“

„Wenn sie nicht mehr tanzt, tanz ich auch nicht.“

Tom starrte ihn einen Moment an, aber er hielt dem Blick stand. „Okay.“

Er entließ ihn und Henry schritt zurück zu seinem Platz, auf dem nun Beth saß. Er beschloss, nichts zu sagen und sie dort sitzen zu lassen. Neben Claire schien sie sich wohlzufühlen und wenn sie mit ihm tanzte, musste sie sowieso in seiner Nähe sitzen, so war das bei allen Alpha-Tanzpaaren.

„Hi!“ Er ließ sich neben sie nieder und betrachtete, wie sie darauf reagierte.

„Hi!“, antwortete sie und wurde etwas rot. Innerlich amüsierte er sich köstlich darüber, dass er sie immer noch so einschüchterte. Aber es schien nicht nur er zu sein.

„Alles in Ordnung?“ Seine Stirn runzelte sich.

Sie brummte nur und schaute weg.

„Du siehst etwas eingeschüchtert aus.“

Sie seufzte. „Das bin ich auch, das ist schließlich mein erstes Gesamttraining und dann auch noch in diesem riesigen Raum.“

„Du wirst dich schon dran gewöhnen“, kommentierte er trocken. Ihr blieb gar keine andere Wahl.

„HEEEENRY!“ Sean hatte sich vorgebeugt, um an Claire und Beth vorbeizuschauen.

Henry schaute skeptisch in seine Richtung. „Was ist?“, fragte er und ahnte Böses, so wie Sean schon wieder grinste.

„Wir haben da was gehört.“ Sean unterdrückte merklich ein Lachen.

Henrys Augenbraue zog sich gefährlich nach oben. „Sean, was willst du von mir?“

„DU trainierst Beth?“ Plötzlich starrten ihn alle an.

Henry warf kurz einen Blick zu Beth. „Ja? Und?“

„Wir wundern uns nur. Das machst du doch normalerweise nicht, wie du immer so gerne erwähnst. Außerdem hast du gar nichts erzählt.“

„Muss ich jetzt jede Personalentscheidung mit euch erörtern, oder wie? Und nein, normalerweise mache ich das nicht, weil es mich normalerweise auch nicht betrifft. Aber da sie nun mal mit mir tanzen soll, opfere ich mich. Außerdem gibt es niemand Besseren. Dir überlasse ich sie bestimmt nicht!“ Das wäre ja noch schöner. Gerade Sean würde er sie nicht überlassen, solange sie nichts konnte. Aber auch den anderen vieren würde er sie nicht anvertrauen, nachher brachten sie ihr irgendetwas bei, was absolut nicht mit ihm zusammenging. Er schüttelte sich unterbewusst.

„Schade eigentlich! Ich hätte mich auch geopfert.“ Sean grinste immer noch und er erkannte eindeutig Seans lüsterne Motive. Ihm war klar, dass alle auf Beth standen, sie war das hübsche neue Spielzeug, aber um das zu bekommen, mussten sie an ihm vorbei, und das würde keiner schaffen.

Henry schüttelte den Kopf. „Du versaust mir das nur.“

„Ihr wisst, dass ich auch noch da bin, oder?“ Henry blickte zu Beth, die von einem zum anderen schaute.

Jetzt grinste auch Henry.

Als Erstes hatten sie ihr typisches Einsingen, Alpha begann und schlug sich auch mit Beth gut, die absolut positiv herausfiel, auch wenn sie noch nicht so locker war wie der Rest. Aber das würde kommen und Feo hatte recht, sie würde sie alle schlagen mit der Ausnahme von ihm.

Dann waren die anderen beiden Teams dran und er beobachtete diese scharf. Irgendetwas stimmte heute nicht, sie schienen allesamt unkonzentriert und er fragte sich, ob das an Toms typisch kurzer Einleitung zu Beth lag. Doch das dürfte eigentlich alle nicht so irritieren, es ging sie nichts an und sie hatten das einfach hinzunehmen. Doch dem schien nicht zu sein. Irgendwann hatte er genug von den Leistungen gesehen und schritt zu Tom.

„Henry“, brummte der.

„Irgendetwas stimmt nicht. Die sind alle scheiße“, begann er ohne Umschweife.

Tom knurrte und stimmte ihm damit zu.

„Müssen wir eingreifen?“

„Beobachten wir es eine Weile.“

„Liegt es an Beth?“, fragte er.

Toms Blick ruckte zu ihm. „Eine neue Alpha ist für niemanden toll, du kennst das doch.“

Das stimmte. Als er bei Beta performte und so schnell zum Alpha aufgestiegen war, hatte es eine Menge böses Blut gegeben, aber die Stimmen waren schnell verstummt … denn er war schließlich Henry.

Luke ging inzwischen auf die Fläche und gab Anweisungen zum Paartanzen. Henry hörte dabei gar nicht richtig zu, nur als Luke verstummte und es einen Moment still blieb, sah er auf. Er war dran mit wählen und es gab nur eine Person, die er ab jetzt wählen würde. „Beth!“

Kapitel 2

Was für ein beschissenes Training. Sein Gefühl hatte sich nicht geirrt, da war etwas im Busch gewesen und er konnte kaum fassen, dass das wirklich passiert war. Er war so wütend, dass es sogar ihm die Sprache verschlagen hatte und das würde heftige Konsequenzen nach sich ziehen.

Doch jetzt musste er erst einmal durchatmen, Beth war dran und sie war die letzte, die es heute zu bestrafen galt.

Er betrat den Trainingssaal, in dem sie gemeinsam Training hatten. Sie war schon da und wartete.

„Hi!“, begrüßte er sie.

„Hi.“

„Können wir anfangen?“, fragte er so nett, wie es ihm gerade möglich war.

Sie nickte nur und stand auf.

Zusammen trainierten sie circa zwei Stunden und Henry musste zugeben, dass sie sich wirklich Mühe gab. Wenn er ihr etwas sagte, versuchte sie es sofort zu verbessern und oftmals gelang ihr das auch. Doch jetzt fing sie langsam an zu keuchen und er beschloss, dass sie genug hatten, zumal ja später noch die Konferenz war, auf die er erscheinen musste. „Belassen wir es dabei für heute. Wir machen die Tage weiter.“ Damit wandte er sich zur Musikanlage, während sie zu ihren Sachen ging.

Er konzentrierte sich kurz darauf, die Anlage auszuschalten und überlegte schon mal, wie es in Zukunft mit ihrem Training weitergehen würde, als es plötzlich knallte und er den Kopf hochriss.

Er schaute zur Tür, wo ein paar Betas hineingelaufen kamen, dann blickte er einen Moment zu Beth, die sichtlich erschrocken am Rand saß, wo sie sich gerade ausgeruht hatte. Sie wirkte müde und war es vermutlich auch. Schon schweifte sein Blick zurück zu der Gruppe und die Wut, die er vorhin schon gehabt hatte, flammte erneut auf. „Sagt mal, spinnt ihr? Ihr könnt doch hier nicht einfach reinplatzen! Das ist einer von unseren Räumen, ihr habt hier überhaupt NICHTS zu suchen, vor allem nicht nach heute Vormittag!“ Nicht nur, dass sie hier einfach hereinplatzten, es waren auch noch ein paar darunter, die seiner Beobachtung nach für heute Vormittag mitverantwortlich gewesen waren. Allein schon Lilian zu sehen, reichte dafür. Er betrachtete diese und bemerkte, dass sie Beth einen hasserfüllten Blick zuwarf, die ihn in seiner Annahme nur bestätigten.

Dann fand Winston den Mut zu reden: „Sorry Henry und Beth! Wir wollten nicht stören. Wir dachten, der Raum sei frei, die Akustik ist hier so gut. Wir verschwinden wieder.“ Er wirkte zerknirscht und das geschah ihm ganz recht, auch wenn er heute noch einer der Friedfertigen gewesen war.

Er holte Luft, doch dann hörte er Beths sanfte Stimme: „Macht nichts! War ja anscheinend nicht mit Absicht!“

Nun waren alle Blicke inklusive seinem bei Beth. Was tat sie da? Er hatte sie die ganze Zeit schon zu unaufgeregt gefunden, vermutlich hatte sie die ganze Aktion heute gar nicht so richtig begriffen und die Tragweite dessen. Jetzt schaute sie sanft, aber ängstlich zu ihm hinüber und er rührte sich endlich. „Verschwindet!“, kommandierte er tödlich.

Fluchtartig verließen alle den Saal.

Er atmete durch und versuchte weiter, nicht zu explodieren und Beths Aktion zu verstehen, was er aber nicht tat. Sie hatte es nicht kapiert und sie hatte ihn unterbrochen. Zornig griff er nach seiner Wasserflasche und trank einen Schluck, doch auch der beruhigte ihn nicht wirklich. Plötzlich bemerkte er, dass Beth ihn beobachtete. Er schaute zu ihr runter, sie sah mit ihren Rehaugen zu ihm auf.

„Was ist hier eigentlich los?“, fragte sie vorsichtig.

Er reagierte nicht, sondern fing an seine Sachen zusammenzupacken und seine Tanzschuhe voller Aggression in einen Beutel zu stopfen. Sie verstand es also wirklich nicht, war es jetzt seine Aufgabe, ihr das zu erklären? Und was sollte er bloß mit ihr machen? Sie sollte mit ihm tanzen, konnte er sie jetzt anschnauzen, nur weil sie die Störung hatte durchgehen lassen, was er nie und nimmer getan hätte?

„Henry?“, fragte sie leise.

Er drehte sich wieder zu ihr um und versuchte ruhig zu bleiben. „Untergrab bitte nicht noch mal meine Autorität, Beth! Ich hätte die Situation gerade geklärt, du hast keine Ahnung, was hier abläuft, also solltest du dich nicht einmischen.“ Damit war es raus. Sie hätte sich nicht einmischen sollen, aber sie hatte es getan. Auch wenn sie mit ihm tanzte, war sie keine Teamleaderin, sondern nur ein Teammitglied und das auch noch immer vorläufig. Sie musste ihre Position begreifen und das besser so schnell wie möglich. Auch dass sie heute das Opfer gewesen war, gab ihr keinerlei Rechte.

„Ich wollte mich gar nicht einmischen“, erwiderte sie und ihr Gesicht bekam einen trotzigen Ausdruck, den er nicht das erste Mal sah. „Ich fand allerdings, dass du ein wenig überreagierst. Mir schien es nicht mit Absicht passiert zu sein. Außerdem hat der Typ, dessen Namen ich nicht weiß, mich genauso angesprochen wie dich. Also kann und darf ich ja wohl auch antworten“, antwortete sie überzeugt.

Er schnappte nach Luft. Sie hatte wirklich NICHTS begriffen. „Ich verstehe nicht, wie man so beschränkt sein kann!“ Er schüttelte den Kopf und fasste es einfach nicht. Jetzt widersprach sie ihm erneut.

„Bitte?“, fragte sie und ihr Ton änderte sich merklich, der sanfte Klang war weg.

„Merkst du denn gar nicht, was hier abgeht, was heute Vormittag los war?“, fragte er sie direkt.

Sie zuckte mit der Schulter. „Ehrlich gesagt nein, ich bin momentan zu sehr mit mir selbst beschäftigt, als dass ich viel mitbekomme!“, antwortete sie schnippisch.

Er hatte also auch in diesem Punkte recht behalten, sie hatte das alles gar nicht begriffen. „Die haben heute Vormittag versucht, dich fertigzumachen. Sie haben mit Absicht schlecht performt, um dich rauszubringen, was ihnen allerdings total misslungen ist. Jetzt weiß ich auch warum, du hast sie gar nicht beachtet!“

Beths Gesichtszüge wandelten sich erneut, jetzt schien sie irritiert zu sein. „Das habe ich nicht gemerkt! Mir ist nur aufgefallen, dass alle etwas ruppig waren. Aber ich habe das für normal gehalten. Warum haben die das getan?“, fragte sie leise.

Er seufzte und dachte an den Beginn seiner Karriere und an Worte, die er selbst einmal zu hören bekommen hatte. „Du hast ihnen die Chance genommen aufzusteigen. Du hast gefühlt nur eine Sekunde gebraucht, um an die Spitze zu kommen, während wir anderen fast unser Leben lang gekämpft haben, überhaupt so weit zu kommen!“ Es war schon Jahre her, aber die Worte würde er nie vergessen, nur dass damals er es gewesen war, der sie zu hören bekommen hatte, und nicht Beth.

„Ich hatte bisher nie die Chance noch die Möglichkeiten, wie ihr“, flüsterte sie verunsichert und er fragte sich unweigerlich, warum sie das ‚ihr‘ so betonte. „Aber ich kann die Reaktion verstehen. Wahrscheinlich würde es mir an ihrer Stelle auch so gehen. Ich werde euch einfach so vor die Nase gesetzt und ihr müsst nun sehen, wie ihr klarkommt. Das ist nicht fair. Ihre Reaktion war zwar nicht sonderlich nett von ihnen, aber was sollen sie sonst schon tun, um ihrem Ärger Luft zu machen?“, fragte sie traurig.

Er fasste es nicht. Sie hatte es wirklich nicht kapiert und nahm die Schuld auf sich, dabei war sie die Letzte, die hier Schuld hatte. Sie war das Opfer, nicht die Täterin. Die anderen waren die Täter. „Du verteidigst sie auch noch?“, fragte er fassungslos.

Beth nickte. „So sieht es wohl aus!“ Sie schaute weg.

Er schüttelte den Kopf, sie fühlte sich nicht als Opfer, es war nicht zu fassen.

„Vielleicht hätte sich auch einfach mal jemand die Mühe machen müssen und die Situation vorab genau erklären sollen. Sinn und Nutzen meines Daseins. Toms kurze Ankündigung war da eher kontraproduktiv. Sie wurden total übergangen und können nicht nachvollziehen, warum ich hier bin, das kann ich ja nicht mal selber.“ Sie schaute verlegen auf den Boden.

Er betrachtete sie. Ihr schlechtes Selbstbewusstsein trat wieder in den Vordergrund, weil sie einfach nicht sehen konnte, was sie war. Vielleicht lag es daran, dass alles so schnell auf sie zugekommen war, anders konnte er es sich kaum erklären.

Plötzlich sah sie auf und ihn direkt an. Den Blick kannte er auch schon. Sie ging auf Angriff über und vergaß jetzt, wer er war. „Dir ging es doch auch so. Ich verstehe gar nicht, warum du sie nicht verteidigst! Du bist schließlich auch nicht nett zu mir gewesen. Du hast alles versucht, um mich loszuwerden. Also warum darfst du dich so verhalten und sie sich nicht? Im Übrigen bist du alleine wesentlich schlimmer als sie alle zusammen! Ich fühle mich hier immer noch in vielen Teilen als Störenfried. Ich meine, ich bin dir dankbar, dass du mir geholfen hast und immer noch hilfst. Aber nur, weil du das tust, heißt das noch lange nicht, dass ich aus purer Dankbarkeit deine Untertanin werde, wie anscheinend alle anderen hier. Ich werde dir also immer meine Meinung sagen und wenn ich es falsch finde, was du machst, dann auch deine Autorität untergraben, wie du es nennst!“

Henrys starrte sie an und konnte nicht fassen, was sie da gerade gesagt hatte. Er war auch so gewesen? Das konnte sie nicht ernst meinen! Sie warf einfach alles weg. Er hatte sich ihr geöffnet, seine Motive erklärt, ihr sein Vertrauen geschenkt und was tat sie? Sie warf ihm das vor. Er konnte hier nicht bleiben, er musste weg, bevor er etwas sagte oder tat, was er später bereuen würde. Schnell schnappte er sich seine Sachen, blickte sie noch einmal an und verließ den Saal.

Draußen atmete er kurz durch. Sie hatte ihn nicht aufgehalten, was er auch nicht erwartet hatte. Sie war wütend, aber er war noch viel wütender. Er konnte so nicht mit ihr performen. Sie war ohne Frage mehr als nur talentiert, aber sie war störrisch. Sie vertraute ihm nicht, nicht genug, wenn sie ihn mit dem Verhalten der Betas und Gammas heute gleichsetzte, obwohl er sein Verhalten seiner Meinung nach schon längst wieder gut gemacht hatte. Aber sie brauchten Vertrauen, wenn das alles zwischen ihnen funktionieren sollte.

Er atmete noch einmal durch und entschied sich, nach Hause zu laufen, bevor er zur Konferenz musste. Er musste nachdenken, nachdenken über die Sache mit Beth, nachdenken über ihre Worte und nachdenken über die ganze Sache an sich.

Als er draußen die frische Luft einatmete, beruhigte er sich ein wenig. Sein Kopf begann wieder rationaler zu denken und nicht mehr vor blinder Wut. Er rief sich ihre Worte ins Gedächtnis. Sie sah sich nicht als Opfer. Aber sie war es oder etwas nicht? Sie hatte recht, Toms Ankündigung war kurz und absolut nicht informativ gewesen, und wenn er daran zurückdachte, wie er damals als Beta gewesen war, hätte er das wahrscheinlich ebenfalls himmelschreiend ungerecht gefunden, dass eine völlig Fremde plötzlich dastand und allen eine Chance wegnahm, oder zumindest die Hoffnung auf eine Chance. Doch sie war da und gehörte zu ihm, alle Hoffnungen der Betas und Gammas irgendwann den einen Alphaplatz zu bekommen, der vor ihrer Nase lag, war dahin. Beth war daran schuld, denn sie war da. Deswegen sah sie sich als Täterin.

Verdammt, sie hatte zu einem gewissen Grad recht. Man hätte das alles besser kommunizieren sollen. Der interne Aufstand war vorprogrammiert gewesen und weder Tom noch er selbst hatten die Situation besser gemacht. Er selbst hatte sie beim Paartanzen gewählt und damit ihre Bedeutung auch noch unterstrichen.

Er brummte laut. Verdammt, sie hatte wirklich recht. Sie schaute anders auf die Sache. Sie war neu, sie kannte die Kämpfe nicht, aber hatte sie sofort gespürt, als ihr klar wurde, dass sie alle gegen sie waren. Er hatte dagegen nur an damals gedacht, als er zum Alpha befördert worden war und die neidischen Stimmen gehört hatte. Doch damals war das anders gelaufen, er hatte sich fair beworben und war genommen worden. Doch Beth war einfach da.

Er schüttelte den Kopf. Sie hatte wirklich recht, aber die Sache mit dem Vertrauen blieb. Sie hatte ihn mit den anderen gleichgesetzt, aber damit hatte sie unrecht. Er hatte sie auch raushaben wollen, das stimmte, aber nicht weil sie ihm eine Hoffnung weggenommen hatte, sondern weil er sie zunächst als Bedrohung für sein Team wahrgenommen hatte. Das hatte er ihr erklärt und sich entschuldigt. Aber das schien jetzt nicht mehr zu zählen und dann hatte sie sich auch noch eingemischt. Sie ordnete sich nicht unter, sondern konterte, wenn sie anderer Meinung war. Das war er nicht gewohnt und er wusste nicht, wie er damit umgehen sollte. Sollte er sie bei Tom anschwärzen, ihn zwingen, sie rauszuschmeißen? Er dachte daran, wie sie lernte und wie sie tanzte. Er dachte an ihre Präsenz … er konnte sie nicht rausschmeißen lassen.

Kapitel 3

Immer noch wütend klopfte er an Toms Tür. Er war gleich, nachdem er sich zu Hause umgezogen hatte, zurück zum Trainingskomplex gegangen und stand nun hier.

„Ja!“, hörte er es drinnen fluchen und Henry wusste, dass Toms Laune nicht besser war als seine.

„Hi!“, brummte er, als er eintrat.

„Henry!?“ Immerhin überraschte er Tom sichtlich. „Was willst du?“

„Beth!“ Er stand hier und Tom wies auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch, sodass er sich schnell setzte.

„Was ist mit ihr?“

„Ich kann so nicht arbeiten.“

Tom hob entnervt die Augenbraue. „Heeenry, bitte nicht …“

Henry hielt dem Blick stand. „Doch, es geht so nicht und ich mache hier nur unter bestimmten Bedingungen weiter!“

„Spinnst du?“, brüllte Tom, doch Henry war das egal.

„Nein, ich meine das ernst“, erwiderte dieser gelassener, als er sich wirklich fühlte.

Tom schnaufte. „Was willst du?“

„Ich will, dass sie die ‚1‘ bekommt.“ Henry sah fest in Toms Augen, dem jetzt sämtliche Gesichtszüge entglitten.

„Was?“, fragte er tonlos, damit hatte er wohl offensichtlich nicht gerechnet.

Henry zugegeben auch nicht, wenn er nicht diesen Streit mit ihr gehabt hätte. „Tom, ich bin stocksauer auf sie und ganz ehrlich, ich würde sie am liebsten von dir rausschmeißen lassen, aber das geht nicht. Wir wissen beide, dass sie zu gut ist.“

Tom stimmte kaum merklich zu.

„Sie legt sich mit mir an, sie gibt Widerworte, sie mischt sich ein. Ich hätte sie heute fast selbst rausgeworfen.“ Er erzählte kurz von der Begebenheit mit den Betas, bis er zurück an der Stelle war, wo sie sich gestritten hatten. „Sie hat mir direkt ins Gesicht gesagt, dass sie denkt, dass ich nicht besser bin. Sie sagte mir, dass sie keine meiner ‚Untertanen‘ sein wird und dass sie mir immer ihre Meinung sagen wird, wenn sie meine für falsch hält. Echt Tom, das geht nicht!“, rief er immer noch darüber entrüstet. „Wenn wir zusammen performen, sie die ‚7‘ oder was auch immer trägt, dann ist sie mir unterstellt, aber das lässt sie nicht zu. Wir würden uns ewig zoffen und sie wäre ständig am Abgrund zum Rausschmiss. Sie muss dieselbe Position haben, wie ich, oder ich performe nicht mit ihr!“ Er verschränkte die Arme vor sich.

Tom starrte ihn immer noch an und plötzlich zuckte seine Lippe, offenbar fand er das lustig. Er räusperte sich kurz. „Du weißt, dass das nicht so einfach ist? Sie kann keine Teamleaderin sein, sie hat keine Erfahrung.“

„Sie kann auch eigentlich keine Alpha sein, denn auch da hat sie keine Erfahrung“, erwiderte er entnervt.

Tom brummte. „Gut argumentiert.“

„Sie ist zu gut, um sie rauszuschmeißen, aber sie redet sich ständig um Kopf und Kragen. Das Dumme daran ist, sie hatte recht. Sie hat mir ihre Sicht der Dinge genannt. Ich hatte sie heute für das Opfer gehalten, was sie meiner Meinung nach ja auch ist, aber für sie sind nicht die Teams die Täter, im Grunde sind wir das.“ Er erklärte, was sie gesagt hatte und wie er jetzt darüber dachte.

Tom schüttelte den Kopf. „Also sollen wir die Teams nicht bestrafen?“

„Wenn es nach ihr geht, können wir das nicht. Und mal unter uns, du siehst auch, dass sie recht hat, oder?“

Tom brummte schon wieder, seine Art zuzustimmen, ohne es sagen zu müssen. „Der Aufsichtsrat und die anderen müssen dem zustimmen. Ich kann nicht einfach befehlen, sie zur Teamleaderin zu machen. Ich werde meinen Kopf dafür hinhalten müssen, du ebenfalls, wenn wir das durchsetzen und es scheitert.“

„Ich weiß, aber sie ist es wert.“ Und davon war er leider überzeugt.

Tom stand auf und lief hin und her. Henry wäre ihm am liebsten gefolgt, wusste aber, dass er das lassen sollte. „Beth als One, du weißt, dass das verrückt ist?“

Henry verdrehte die Augen. „Ist es das nicht sowieso schon? Stell dir die Schlagzeilen für UCoP vor. Wenn sie das wirklich hinbekommt, machen wir uns und sie unsterblich.“

„Ja, das würden wir.“ Tom blieb stehen. „Gut, versuchen wir es.“

Kapitel 4

Tom schloss hinter sich die Tür. Henry lief vor ihm und ließ sich zwischen Luke und Kaito an dem riesigen Konferenztisch nieder. Tom setzte sich ans Ende des Tisches und wurde flankiert von Luke und Thomas Burns.

“Guten Abend alle zusammen!”, begann er sofort und ein kleiner Schwall an Begrüßungen folgte.

Henry verzog keine Miene und hörte ihm gespannt zu.

“Wir haben heute mehrere Themen. Aber ich möchte zunächst eines vorziehen, dass alle anderen beeinflusst.”

Thomas Burns schaute auf und betrachtete Tom skeptisch.

“Es geht um Elisabeth Falkenstein. Wir wollten heute über ihre Besetzung und die daraus resultierende Nummer sprechen. Damit hier alle auf Stand sind, denke ich, geben wir eine kurze Zusammenfassung über ihr Training, ihre derzeitige Leistung und so weiter. Tasha, fängst du an?“ Er schaute erwartungsvoll zu Tasha rüber, die Henry gegenübersaß.

Tasha sah auf und nickte. „Beth macht inzwischen bei allen Alphafrauentrainingseinheiten mit. Sie hat die mittlere Position zwischen Claire und Ana, die also der Position von Henry bei den Männern entspricht. Von ihrer körperlichen Konstitution her hat sie inzwischen zu den anderen aufgeschlossen. Gesanglich merke ich, Olav kann dazu bestimmt mehr sagen, auch keine Unterschiede zu den anderen fünf Frauen. Aus meiner Sicht ist sogar das Gegenteil der Fall, wenn Unterschiede da sind, dann nicht zum Negativen für sie.“

„Da kann ich nur zustimmen!“, mischte sich Olav sofort ein, der ein ganzes Stück den Tisch weiter runter saß und zwischen zwei weiteren Mitgliedern des Aufsichtsrates verharrte. „Es ist wirklich erstaunlich, wie sie sich in so kurzer Zeit stimmlich entwickelt hat. Sie besitzt von allen Alphafrauen den größten Tonumfang und kann sowohl Mainstreamsongs als auch Spezielles singen. Und der Klang!“ Er juchzte beinahe, was Henry minimal die Augen verdrehen ließ, auch wenn er ihm heimlich recht gab.

„Danke Olav!“, moderierte Tom ausdruckslos. „Tasha, wolltest du noch was hinzufügen?“

„Na ja, um noch zum Tanzen zu kommen: Sie kann vieles noch nicht, das betrifft Schritte, Chorografien und natürlich Songs, aber in Sachen, die sie kann, brilliert sie. Ich habe noch nie so viel Talent gesehen. Merke ich irgendetwas an, reagiert sie sofort. Der einzige Mangel besteht meines Erachtens nach in ihrem Selbstvertrauen, das hat sie einfach nicht.“ Tasha seufzte. „Völlig unverständlich.“

Thomas Burns hob die Augenbraue. „Ich kann mir das schlecht vorstellen, auch wenn ich die Videos gesehen habe. Sie ist außergewöhnlich, aber so sehr, dass sie wirklich die anderen fünf Frauen übertreffen kann?“

Luke räusperte sich. „Du musst sie live sehen, dann verstehst du es. Das Gruppentraining heute war wie eine Erkenntnis, zumindest was sie anbelangt.“

Alle starrten plötzlich zu Henry, der die Stirn runzelte.

„Henry, möchtest du etwas über Beth sagen?“ Tom schien das schon wieder lustig zu finden, wie bereits vorhin in ihrem privaten Gespräch.

„Ich stimme Tasha zu, ich habe noch nie eine weibliche Performerin mit so viel Talent gesehen. Sie kann erst einen Bruchteil, aber mit diesem Bruchteil schlägt sie die anderen“, kommentierte er trocken.

„Und dich!“, fügte Tom in leicht amüsiertem Ton hinzu.

Alle Köpfe ruckten zu Tom inklusive seinem.

„Es tut mir leid, dass ich dir das sagen muss, Henry, aber ich habe zwei drei Sachen bei ihr gesehen, die mich glauben lassen, dass sie dir ebenbürtig sein kann.“

Thomas Burns schnaufte. „Wenn selbst du schon solche Sachen sagst …“ Er schüttelte den Kopf. „Ihr macht mich jetzt wirklich neugierig und ich denke, es geht nicht nur mir so.“ Er sah sich um und zu den anderen Mitgliedern. Alle stimmten ihm zu. „Also, was wollt ihr mit ihr machen?“, stellte er die entscheidende Frage.

Henry hielt einen Moment die Luft an und fixierte Tom.

„Sie soll die ‚1‘ bekommen!“ Tom sprach das locker aus und Thomas, der gerade einen Schluck getrunken hatte, hustete.

„Puuh!“ Henry atmete durch.

„Hoffen wir, dass sich die Schlacht gelohnt hat“, meinte Tom neben ihm. Sie standen noch im Konferenzraum, der sich inzwischen geleert hatte, und schauten hinaus aufs Stadion.

„Hast du Zweifel?“

Tom blickte zu ihm. „Wenn ich die hätte, hätte ich das nicht gemacht.“

Henry nickte. „Also noch ein Test …“

„Den mache ich morgen mit ihr. Ich habe ihr schon eine Nachricht zukommen lassen. Vermutlich denkt sie, dass ich sie rauswerfe.“

Henry schnaufte. „Mein Mitleid hält sich in Grenzen.“

Tom schüttelte den Kopf. „Ihr beiden … das wird eine große Sache, Henry, das ist dir bewusst, oder? Es wird anders als mit Nicole.“

„Das ist es jetzt schon“, brummte er. „Sie ist anders.“

„Sie widerspricht dir.“ Tom lachte jetzt leise.

„Echt zum Kotzen.“

„Sie hat irgendwann so viel Macht wie du.“ Tom analysierte ihn immer noch.

Er verdrehte die Augen. „Was willst du mir damit sagen?“

„Gar nichts, aber ich denke, das könnte dir guttun.“

Henry hatte keine Ahnung, ob ihm das ‚guttat‘ er wusste nur, dass er noch unglaublich wütend war und er keine Ahnung hatte, wie das in Zukunft weiterlaufen würde.

Kapitel 5

Lukes Telefon klingelte und alle inklusive Henry starrten zu ihm.

Dieser nahm ab. „Ja?“

Er hörte eine Weile zu.

„Okay, dann wie besprochen?“

Er und sie alle lauschten wieder. Henry hielt es vor Spannung kaum aus und hätte Luke am liebsten das Telefon aus der Hand gerissen.

„Alles klar. Bis später.“ Luke legte auf und sah hoch.

„Und?“, fragte Thomas Burns.

„Sie sind noch im Stadion und wenn ich Toms Worten glauben darf – er neigt ja nicht gerade zu Übertreibungen – hat sie ihren Platz inmitten der Bühne sofort gefunden.“ Er schmunzelte. „Er schien erleichtert.“

Henry atmete aus, ihm ging es genauso. „Verdammt, jetzt muss ich mich mit ihr rumplagen!“, brummte er und alle um ihn herum lachten los.

Das Gefühl war eigenartig, er war immer noch wütend auf sie, andererseits war er auch erleichtert, dass es jetzt so kam, denn sie hatte den Platz auf ihre eigene Art verdient. Einen Moment dachte er an den Moment, wo sie beide in diesem Wrack eines Trainingssaales miteinander gesprochen hatten und sie zugegeben hatte, dass sie Angst vor ihm hatte. Er fragte sich, wie das in Zukunft werden würde. Er hoffte, dass ihre neue Position dabei helfen würde, diese weiterhin abzulegen.

Er stand schließlich auf und wartete auf Kaito und Tasha. Es war geplant, dass sie gleich die Performerinnen und Performer sowie die restlichen Trainer informieren würden.

Kaito kam grinsend auf ihn zu. „Alles klar, Henry?“

Tasha schmunzelte an seiner Seite.

Er seufzte. „Ich habe mir das selbst eingebrockt.“

„Ihr werdet zu zwölft richtig gut werden“, kommentierte Tasha und Henry gab ihr recht, während sie losliefen.

„Alle warten im großen Saal!“, meinte Kaito. „Willst du es ihnen sagen?“, fragte er weiter und sah zu ihm.

„Ja!“, erwiderte er. „Und nur zu Vorwarnung, ich werde nicht nett sein!“

„Das hat keiner von uns erwartet!“, scherzte Kaito und klopfte ihm auf die Schulter.

Henry mochte Kaito, denn er ertrug alle von Henrys Launen mit Humor. Sie waren ein bisschen wie Partner, denn auch wenn Kaito eigentlich der offizielle männliche Alphatrainer war, stand er rangmäßig noch unter Henry, der als Teamleader direkt Tom unterstellt war. Doch so fühlte es sich nicht an, Henry und Kaito arbeiteten Hand in Hand.

Sie näherten sich dem großen Saal und Henry blieb einen Augenblick stehen, um sich noch einmal ins Gedächtnis zu rufen, was er alles sagen wollte, dann öffnete er energisch die Tür.

Es dauerte nur Sekunden, bevor es nach ihrem Eintreten im Saal totenstill wurde. Anscheinend hatten alle eine Vorwarnung bekommen und Henry vermutete, dass Kaito oder Tasha eine Nachricht an einen der Betatrainer gesendet hatte, damit sich alle schon mal versammelten.

Jetzt saßen alle an ihren Plätzen und er ließ seinen Blick über die Menge schweifen. Die Wut, die er vorhin noch auf Beth gehabt hatte, war nun wieder zurück bei ihnen allen. Alle Bilder vom gestrigen Gesamttraining schwebten ihm vor und er wusste, er musste es sie spüren lassen.

Er schritt, ohne zu zögern, zu der Stelle, an der sonst immer Tom stand und seine Ansprachen hielt. „Ich mache es so kurz wie möglich!“, donnerte er los und hörte selbst, dass er tödlich klang.

Er machte eine kleine Atempause, um den Effekt noch zu verstärken, und beobachtete alle.

Claire hob ihre Augenbraue, Sean, der gerade noch herumgezappelte, saß plötzlich ruhig auf seinem Platz, und wenn er in die Gesichter einiger Betas und Gammas sah, erkannte er Anzeichen von ersten Tränen.

Er machte also weiter: „Das, was ihr euch gestern beim Gesamttraining in der Sache um Elisabeth geleistet habt, war unverzeihlich. Schämt euch!“ Seine Stimme klang wie ein tiefes Grollen, was ihn zutiefst befriedigte.

Er machte wieder eine winzige Pause und nahm wahr, dass ein paar seiner Alphas nun auch kurz nach hinten blickten, um die anderen Teams zu beobachten. Er bemerkte auch Daniel, den Chefbetatrainer, der einfach nur zustimmend nickte.

„Ihr habt unsere Ehre und unsere Philosophie mit Füßen getreten und euch verhalten wie eifersüchtige, kleine Kinder in der Trotzphase. Denkt ihr, dass so ein Verhalten in irgendeiner Weise toleriert werden kann?“ Er schaute jetzt fragend in die Runde.

Einige schluckten merklich, sie waren alle schuldig bis ins Mark und so wie einige mit den Tränen kämpften, schimpfte er völlig zu Recht. Doch es gab ein paar Unbelehrbare, Lilian und ein paar andere wirkten verkniffen, was ihn nur noch wütender machte.

„Euer Verhalten ist unentschuldbar! Ich habe gestern den ganzen restlichen Tag damit verbracht, darüber nachzudenken, was ich am liebsten mit euch machen würde. Ich blieb nicht der Einzige, denn gestern Abend gab es eine Konferenz, auf der ihr alle das Topthema gewesen seid.“ Er erwähnte an dieser Stelle nicht, dass sie zuerst über Beth gesprochen hatten, das hob er sich für später auf. Stattdessen zog er das zur Strafe noch ein bisschen in die Länge und ging ein paar Gedankenspiele durch: „Ich nenne mal ein paar Vorschläge zum Umgang mit eurem Verhalten: Von Vertragsauflösungen war die Rede. Beliebt sind auch immer wieder Geldstrafen. Und ich rede nicht von ein paar Pfund, sondern von schmerzhaften Zahlungen. Dann war von Umstrukturierungen die Rede, wie es das schon mal vor ein paar Jahren gab. Ein Vorschlag war sogar, die Season wegen eures blöden Verhaltens ausfallen zu lassen.“ Das war nun eine Schippe zu viel, die Season ausfallen zu lassen, war nicht angesprochen worden, aber allein diese Androhung wirkte, denn nun blieb auch eine Lilian nicht mehr ruhig. Kaito warf ihm währenddessen einen Blick zu, sagte aber nichts. „Versteht ihr jetzt, wie ernst das ist? Versteht ihr, warum ihr nicht einfach jemanden Neues boykottieren könnt?“, fragte er ernst in die Runde, aber selbstverständlich antwortete niemand. „Wir und die Führungsebene würden nichts tun, was uns und UCoP schadet! Ihr hättet uns ansprechen können, uns eure Bedenken mitteilen können, wenn ihr an Beth oder an unserer Strategie zweifelt, aber sich einfach aufzubäumen gegen das Team? Das ist nicht der Geist von UCoP und definitiv nichts, was wir hier wollen!“, knurrte er laut.

Er schüttelte den Kopf und dachte einen Moment nach.

„Gestern Abend hatten wir, wie bereits erwähnt, eine Versammlung des Aufsichtsrates und aller anderen wichtigen Personen. Die verschiedenen Lösungswege wurden diskutiert und ich kann nur sagen, ihr hattet Pech. Für euch kommt es noch schlimmer, denn im letzten Augenblick habt ihr eine mächtige Fürsprecherin für euch gefunden …“ Er dachte an Beth und unterdrückte die Wut über sie. Sie hatte recht gehabt, sie war hier jetzt nicht mehr das Opfer, aber er würde sie als eines benutzen: „… nämlich eure neue Teamleaderin!“ Jedes dieser vier Worte zerging ihm auf der Zunge.

Jetzt ruckten alle Alphaköpfe zu ihm und Claire grinste bereits. Sie hatte es sofort geschnallt, was ihn nicht wunderte. Sean dagegen wirkte noch ein wenig verwirrt. Doch nicht nur innerhalb Alphas waren die Reaktionen so, eine neue Totenstille hatte sich über den Saal gelegt und Henry konnte sich jetzt ein genugtuendes leichtes Schmunzeln nicht verkneifen.

„Ja, ihr habt richtig gehört! Beth, die bis gestern noch keine Nummer getragen hat, hat sich bei mir für euch eingesetzt und mich angeschnauzt.“ Er hatte vorher darüber nachgedacht, ob er das überhaupt zugeben sollte. Aber er dachte auch daran, wie sie seine Macht erschüttert hatte und dieser Umstand war einer, der wohl auch zukünftig in ihrer neuen Rolle so bleiben würde. Das zeichnete sie aus und von dieser Macht sollten die anderen ruhig wissen. „Sie hat mir die Stirn geboten und euch in Schutz genommen. Damit hat sie sich ohne ihr Wissen und ohne Absicht selbst als One und für die Aufgabe qualifiziert. Der Aufsichtsrat und alle anderen haben ihrer Ernennung zugestimmt.“

Claire gluckste laut und Henry warf ihr einen Blick zu, der sie nur noch mehr lachen ließ. Sean grinste inzwischen ebenfalls und sah so aus, als würde er am liebsten einen Spruch reißen wollen, doch Henrys Blick hielt zumindest ihn ab.

Er atmete noch mal durch und wurde etwas ruhiger. „Also habt ihr nun das Unglück, dass eure Retterin gleichzeitig diejenige ist, die ihr aufs Schändlichste verraten habt und der ihr in Zukunft huldigen dürft. Ich finde, das ist eine gerechte Strafe für euch alle. Eigentlich sogar noch besser als alle anderen Wege, die ich vorhin erwähnt habe. Ich hoffe, ihr lernt daraus, denn noch eine Chance bekommt ihr nicht! Wenn ich also in Zukunft noch einmal mitbekommen sollte, dass ihr Elisabeth nicht mit Respekt und Anstand behandelt, dann bekommt ihr es einzeln und persönlich direkt mit mir zu tun. Und ich garantiere euch, das wird dann kein Spaß mehr!“ Er atmete durch, denn er hatte alles gesagt. Einen Moment verharrte er noch. Dann raunte er Kaito ein ‚Sie gehören euch!‘ zu und schritt aus dem Saal. Für ihn reichte das heute. Das Einzige, was er jetzt wollte, war seinen eigenen Trainingssaal für sich allein mit einer Runde anstrengendem, kraftraubendem Training, wo ihn niemand ärgerte und er in Ruhe nachdenken konnte. Anschließend würde wohl sein Schlagzeug dran glauben müssen, denn eines war ihm klar: Es war noch nicht vorbei.

Epilog

„Was haben wir jetzt?“, fragte Thien verwirrt von hinten.

„Gesangstraining!“, kommentierte Dayo und schüttelte den Kopf.

Henry kommentierte das nicht, er war immer noch in seiner Welt. Immerhin machten die anderen keine Andeutungen mehr zu seiner Ansprache gestern. Das hatte sich mit einem einzigen bösen Kommentar beim Abendessen gestern erledigt. Doch ihm war klar, dass alle darauf lauerten, mehr zu erfahren. Sean hüpfte beinahe wie ein Hund um ihn herum und wenn sie Training mit den Frauen gehabt hätten, hätte er bestimmt schon Claires nervige Fragen ertragen müssen.

Sie erreichten den passenden Saal und gingen cool wie immer hinein.

„Schon alle da.“ Ben gluckste.

Henry brummte nur, das war auch heute beabsichtigt gewesen. Es war das erste Mal, dass er wieder auf alle Teams traf seit seiner Ansprache gestern.

Er spürte sofort, wie alle zu ihm blickten und ignorierte das einfach. Sie packten ihre Sachen an den Rand und liefen schnell zu Olav, der schon ungeduldig wirkte.

„Guten Nachmittag die Herren.“

„Hallo Olav, sorry!“, schleimte Ben los und Feo schubste ihn kurz.

Olav verdrehte die Augen. „Ich will es nicht wissen. Eure Positionen haben sich mit Beth nicht geändert, also könnt ihr an eure Plätze gehen.“

„Beth?“, fragte Sean irritiert und auch Henry runzelte die Stirn.

Olav schüttelte den Kopf. „Ihr erkennt nicht einmal eure eigene Alpha One. Da vorne rechts steht sie. Merkt euch lieber ihr Gesicht, sie gibt den Ton an.“ Olav grinste und sie alle sechs drehten die Köpfe.

Da stand sie, Beth.

Henry traf der Schlag. Ihr Outfit, die ‚1‘, ihre offenen Haare, die ihr hübsches Gesicht mit den großen, ängstlichen Rehaugen umrahmten – er hatte sie bis jetzt noch nie so wahrgenommen wie heute.

„Scheiße!“, murmelte Sean.

„Wir können einpacken!“, grunzte Ben.

„Kammer?“, stellte Feo die passende Frage.

„Unglaublich, sie sah auch vorher schon gut aus, aber jetzt …“, nuschelte Thien.

„Jetzt ist sie eine Alpha One!“, hörte Henry sich selbst sagen und wandte sich ab, um auf seinen Platz zu gehen. Verdammt, was hatte er bloß getan?

ENDE