Alpha One – Henrys erste Begegnung mit Beth

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Eine Alpha One – Kurzgeschichte von Minny Baker, veröffentlicht am 30.07.2017 zum halbjährigen Geburtstag von Alpha One am 31.07.2017.

Ich wünsche Euch viel Spaß!

 

Erstes Kapitel: Im Saal

Henry hätte am liebsten gekotzt. Erst hatte er vormittags einen ätzenden Fototermin gehabt und danach ein Männertraining, bei dem er so wütend geworden war, dass er am liebsten jemanden erdolcht hätte. Er fragte sich manchmal, wofür die L

eute eigentlich bezahlt wurden. Zum Blödsinn machen und quatschen, anstatt hart zu trainieren, so wie er es tat? Gerade die Neuen unterschätzten offensichtlich den Ernst der Lage. Wie gut, dass es dieses Mal noch über ein Jahr dauerte, bis die nächste Season begann und nicht schon im Herbst soweit war.

Verärgert war er schließlich mit seinen fünf Teamkollegen zum Alphatraining gegangen, wo ihre weiblichen Kolleginnen schon gewartet hatten. Wenigstens die strengten sich alle an. Doch Tom nervte sie mit blöden alten Songs, anstatt Neues zu machen. Nicht nur, dass er sich noch ärgerte, nein, jetzt langweilte er sich auch. Wie gesagt, am liebsten hätte er gekotzt.

Schließlich wies Tom einen neuen Song an und Henry wurde ein bisschen besänftigt, wobei ihn jetzt störte, dass Tom immer noch keine weibliche Gegenstimme ausgesucht hatte. Warum auch immer. Er hatte schon vor einer Woche der Höhe wegen

für Charlotte plädiert, aber Tom hielt sich bedeckt. Vielleicht würde er ja heute endlich zu einer Entscheidung gelangen.

Doch zunächst gab es eine Runde des Songs mit dem üblichen Playback. Henry knurrte unzufrieden, ging jedoch einen Schritt nach vorne, um zu zeigen, dass er die Hauptstimme sang. Das hatte er sich angewöhnt, damit hier niemand vergaß, wer er war.

Die Musik setzte ein. Die anderen Elf fingen sofort an zu singen. Es war ein beinahe A-capella-Song, also viele Stimmen, wenig Instrumente. Sehr rhythmisch dazu, mit einer Melodie, die Ohrwurmpotenzial besaß, auch wenn sie einem nach einer Weile auf die Nerven gehen konnte. Er nahm wahr, dass die anderen den Song mittlerweile gut konnten, keiner verpatzte ihn. Dann folgte sein Solo. Laut und kräftig klangen die ersten Töne. Er hatte keinerlei Zweifel, dass es von ihm perfekt gesungen war.

Schließlich sollte das Playback einsetzen, aber er hörte sofort, dass es anders war als sonst, und lauschte irritiert, was er sich nicht anmerken ließ. Eine der ersten Lektionen als Performer bei UCoP war gewesen, sich nie, auf gar keinen Fall, egal was

kam, irritieren zu lassen. Er analysierte die Stimme und stellte fest, dass es kein neues Playback war, sondern eine echte weibliche, singende Sopranstimme, die ihm nicht bekannt vorkam.

Er musste nicht sehr lange warten. Neben ihm, mit etwas Abstand, tauchte sie bald darauf auf. Er guckte kurz rüber, aber nein, er kannte sie nicht und somit auch nicht ihre Stimme.

Die Wut traf ihn erneut wie ein Schlag. Was hatte jemand Fremdes beim Alphatraining zu suchen? Und noch schlimmer, einfach mitzusingen?

Sein Blick ging schnell zu Tom. Dieser reagierte nicht, also wusste er Bescheid. Noch wahrscheinlicher schien es, dass Tom das Ganze „befohlen“ hatte, denn normalerweise durfte niemand ohne seine Erlaubnis an den Trainings teilnehmen, geschweige denn nur zugucken, oder überhaupt atmen.

Die Kleine neben ihm sang also das weibliche Solo, begleitet von den anderen mit ihrer Ohrwurmmelodie, und er hörte zu. Es war grundsätzlich nicht schlecht. Ihre Stimme hatte Potential, das sie gerade null ausschöpfte – so etwas hörte er sofort. Die Aussprache klang eigenartig, sie war anscheinend niemand, dessen Muttersprache Englisch war. Sie traf halbwegs die Töne und mal abgesehen davon, klang sie besser als das Playback, was jedoch nicht sonderlich schwierig schien. Er hatte sich seit jeher gefragt, warum die fremdeingesungenen Playbacks immer so beschissen klangen … Eine der ersten Taten bei der Einstudierung eines neuen Songs wurde immer, die Playbacks mit den besetzten Stimmen erneut einzusingen, damit man das bei den Proben ertragen und in Realform üben konnte, ohne alle Stimmen dabeihaben zu müssen. Er musste das dementsprechend häufig tun.

Weiterhin lauschte er skeptisch der Stimme. Phonetisch gesehen schien sie universal einsetzbar zu sein, wenn man das angesprochene Potenzial ausschöpfen würde, und die Kleine hatte einen großen Tonumfang.

Als sie schließlich zusammen den Refrain sangen, bestätigte sich das für ihn. Trotzdem wurde er immer wütender. Die Frage nach dem Warum des Auftauchens einer Fremden ließ ihn nicht los. Er hasste solche Aktionen, von denen er im Vorfeld keine Ahnung hatte. Er hasste Unwissenheit. Fremde bei Alpha … echt zum kotzen.

Er spürte plötzlich, wie sie vorsichtig zu ihm rüber spähte und schaute ebenfalls zu ihr. Sofort checkte er sie ab. Sie schien vollkommen verunsichert und ängstlich zu sein, was ihn nicht sonderlich wunderte, schließlich sang sie gerade mit Alpha. Er checkte auch schnell ihr Aussehen: Grundsätzlich nicht schlecht, aber nichtssagend, abgehetzt und untrainiert, was er so erkennen konnte unter den weiten Kleidern, die sie trug. Sie schien generell nicht in besonders guter körperlicher Verfassung zu sein. Sie war zwar schlank, aber wirkte überhaupt nicht sportlich. Mädchenhaft zurückgesteckte Haare, ein ebenmäßiges Gesicht, das aber gerade zu verkniffen wirkte vor Angst, komplettierten den Check. Alles in allem fiel sie durch, aber das taten sie fast alle, und wenn man schon die Freiheit hatte zu wählen, suchte man sich eben die Besten aus.

Er merkte, dass er sie jetzt doch länger als gewollt anstarrte. Sie gehörte augenscheinlich nicht zu UCoP, aber was tat sie dann hier? Er betrachtete kurz ihre Augen. Die Farbe konnte er nicht erkennen, dafür war der Abstand zwischen ihnen viel zu groß. Aber ihr Blick war trotz der sichtbaren Nervosität und Angespanntheit warm und dann war da noch etwas in ihrem Blick, von dem er nicht exakt wusste, was es war. Berechnung vielleicht? Oder sah sie so aus, wenn sie ängstlich war? Denn er spürte, wie er sie noch mehr verunsicherte. Er hob seine Augenbraue als Reaktion darauf und sie schaute augenblicklich wieder weg, wobei sie fast ihren Einsatz verpasste. Sie rettete es gerade noch so.

Schlecht reagiert. Er ballte die Hände zu Fäusten. Sie hatte sich irritieren lassen und damit ein absolutes No-Go begangen. Wieder fragte er sich, wie Tom so jemanden hier singen lassen konnte? Jeder hörte und sah doch, dass sie nicht das Niveau zu ihm und den anderen hatte, wie Alpha eben. Da half auch eine potenziell gute Stimme nicht.

Das Lied war bald darauf zu Ende. Er zögerte nicht eine Sekunde und stürmte zu Tom. Tom mochte zwar der Chef sein, aber diese Situation ging ernsthaft zu weit. Und er gedachte nicht, sich das gefallen zu lassen.

„Tom, was soll das?“, knurrte er sofort.

Doch Tom ließ ihn gar nicht richtig zu Wort kommen, sondern unterbrach ihn und auch alle anderen, die wild durcheinander stürmten, mit einer einzigen Geste. „Wenn ihr mir alle mal kurz zuhören würdet …“ Er ließ seinen Blick einmal kreisen und schaute jetzt auch zu ihm. Henry beherrschte sich sofort. Toms Blick war eindringlich und genervt, die Art von Blick, der man dringend folgen sollte.

Henry drehte sich um und sah sie. Bei ihr stand Carlos. Carlos? Was hatte Carlos denn damit zu tun?

“Wie ihr alle gemerkt haben dürftet, haben wir eine neue Besetzung“, sprach Tom weiter.

Sofort verkrampfte er sich. Eine neue Besetzung? Sein Verstand setzte einen Augenblick aus. Eine neue Besetzung für Alpha ohne ihn zu fragen? Ohne das vorher im Team zu testen? Er schaute fassungslos zurück zu Tom.

Doch der ignorierte das gekonnt und wirkte absolut locker: „Ich stelle euch hiermit Elisabeth vor. Beth wurde heute genauso überrumpelt wie ihr, ich habe ihr erst vorhin gesagt, bei wem sie heute Nachmittag vorbeischauen darf.“ Ein leichtes Zucken spiegelte sich um seine Mundwinkel, was Henry nur noch wütender werden ließ. „Wie ich sehe, ist die „Überraschung“ gelungen.“ Henry sah jetzt noch zusätzlich das Blitzen in Toms Augen, er amüsierte sich königlich. Dieses Arschloch! „Also weiter im Programm. Danke an Beth für die kleine Darbietung, …“

Darbietung! Dass er nicht lachte. Das war mehr, als ihr Gesang verdient hatte. Wäre sie eine normale Performerin gewesen, hätte er ihr jetzt einen Einlauf verpasst.

„… sie wird die nächsten Wochen bestens vorbereitet – von mir!“

Henry zuckte. Hatte er gerade richtig gehört? Hatte Tom gerade gesagt, dass er – Tom persönlich – mit ihr trainieren wollte? Henrys Blick ruckte augenblicklich zurück zu ihr, Elisabeth. Eine lange Millisekunde herrschte in seinem Kopf wieder völlige Leere. Dann versuchte er herauszufinden, was Tom in ihr sah. Noch einmal checkte er sie von unten bis oben und fand nichts Interessantes, außer vielleicht, dass sie trotz der ganzen Blicke immer noch hier stand und nicht heulte. Und ansonsten sah er nichts, nichts was Toms Verhalten rechtfertigte. Das beunruhigte ihn. War Tom total durchgedreht? Oder war er selbst plötzlich blind geworden? Carlos stand immer noch bei ihr und wirkte irgendwie – erleichtert? Und dann fiel sein Blick zurück auf die Kleine. Sie musste irgendetwas haben, irgendwas, was Tom dazu brachte, sie trainieren zu wollen.

Augenscheinlich hatte Tom sie mit der Nachricht geschockt. Sie war blass um die Nase und sah so aus, als ob sie gerade dem Tod persönlich begegnet war. Anscheinend erfuhr sie diesen Umstand auch erst jetzt. Ob sie wusste, worauf sie sich da einlassen würde? Ob sie wusste, was für ein Privileg das war mit Tom zu arbeiten? Und was hatte Tom im Sinn?

„Falls ihr nun alle die Güte habt, euch wieder auf eure Plätze zu begeben!“ Damit setzte Tom seinen Gedanken und allem ein Ende. Er klang ungeduldig dabei.

Die Kleine wurde derweil von Carlos und irgendeiner unscheinbaren Assistentin, die Henry nicht eines Blickes würdigte, in Richtung Hintertür abgeführt. Ihre Augen richteten sich auf Tom, der ihr wiederum zunickte. Dann wechselte ihr Blick plötzlich und einen Moment lang schaute sie ihn an, Henry, der immer noch direkt neben Tom stand. Und er konnte nicht anders als sie mit Blicken zu töten. Sie dagegen hatte immer noch diese Wärme in den Augen, trotz der Umstände. Einen flüchtigen Augenblick sah er doch etwas in ihr, aber er konnte es nicht benennen. Das irritierte ihn noch mehr.

Dann war sie plötzlich weg, so schnell wie sie gekommen war, und Tom wandte sich nun ihm zu: „Henry, ich will weitermachen!“, knurrte er drohend.

„Aber Tom …“, entgegnete er kurzerhand.

„Schluss!“, unterbrach er ihn und wurde dann ruhiger: „Ich komme heute Abend zu euch, dann reden wir. Und jetzt geh zurück.“

Damit hatte er sein Machtwort gesprochen und Henry drehte sich um und musste sich stark beherrschen, nicht gegen die nächste Bank zu treten.

 

 

Letztes Kapitel: Beim Abendessen

Tom zog sein Trainingsprogramm weiterhin in vollem Umfang durch, so als wäre nichts passiert. So, als wäre sie nicht aufgetaucht und er hätte nichts verkündet. Keiner von ihnen war währenddessen richtig bei der Sache, Henry eingeschlossen. Immerhin kritisierte keiner diesen Umstand, was auch daran liegen konnte, dass alle anderen Anwesenden neben Alpha genauso überrascht worden waren. Luke sah ungefähr so aus, wie Henry sich fühlte. Tasha blickte nachdenklich drein und Kaito wirkte verwirrt. Doch keiner erhob irgendwelche Einwände, Tom hatte das Kommando und alle taten, was er sagte.

Nach dem Training ging es für ihn weiter. Noch ein kurzes Intermezzo beim Gammatraining, das so absolut scheiße war, dass seine Laune sich quasi in der Hölle befand. Hier konnte er jedoch wenigstens ein bisschen Wut und Frust rauslassen.

 

Als er abends zum Abendessen erschien, waren die anderen Alphas alle schon da und verstummten, als er den Raum betrat. Er setzte sich schweigend neben Ben und füllte seinen Teller. Alle starrten ihn an.

„Was?“, entnervt erhob er die Stimme und blickte einmal in die Runde.

„Die Sache heute Nachmittag?“, fragte Claire direkt.

„Was soll damit sein?“ Anscheinend erwarteten sie endlich eine direkte Reaktion, die hatte er sich bisher verkniffen.

„Deine Meinung?“, fragte Claire tatsächlich. Sie war bei solchen Angelegenheiten immer die Mutigste, ihr war es egal, wie sauer er war und es ließ sie völlig kalt, wenn er ausflippte. Dafür kannte sie ihn vermutlich zu gut.

Er seufzte. „Tom will noch vorbeikommen!“, antwortete er relativ ruhig und verdrehte die Augen bei der Vorstellung, was er ihnen erzählen wollte.

Diese Aussage führte dazu, dass plötzlich alle durcheinander sprachen und wild herumspekulierten

Nach gefühlten fünf Minuten hielt es Henry nicht mehr aus: „Was wollt ihr von mir hören?“, fragte er plötzlich aggressiv und alle wurden still. Er versuchte seine Stimme zu beherrschen: „Dass ich das heute scheiße fand? Ja, fand ich, hat man glaube ich auch gemerkt! Dass wir anscheinend einfach jemanden ins Team bekommen sollen, den wir nicht kennen? Auch das finde ich scheiße! Ich bin stinkwütend! Aber was soll ich tun? Tom hat so entschieden, er ist das Oberhaupt, lasst uns abwarten, was er sagt!“ Wie vernünftig er von außen betrachtet klang, leider konnte er sich selbst nicht überzeugen. Alles, was Tom sagen würde, konnte ihn nicht überzeugen.

„Ja, aber was findet er an ihr? Sie wirkte nicht mal so, als ob sie regelmäßig trainieren würde!?“, mutmaßte Ana im Anschluss.

„Das fragen wir uns wohl alle …“ Er seufzte erneut. Er dachte wieder an dieses komische Gefühl, nichts stimmte bei ihr, weder die Stimme, noch der Trainingsstand sowie das Aussehen und doch … sie war einfach unscheinbar, aber ihr Blick war es nicht.

„Ihre Stimme war ganz gut“, murmelte Minkah plötzlich leise. Sie saß ihm schräg gegenüber.

Feo verdrehte die Augen: „Ja, aber sie klang furchtbar nervös!“

„Wahrscheinlich, weil sie noch nicht oft öffentlich vor anderen gesungen hat!?“, verteidigte Ana sie plötzlich genervt.

„Dann ist sie bei uns doch aber völlig falsch?“, konterte Dayo ihr perfekt. Die beiden starrten sich kurz an.

„Wobei sie auch irgendwie niedlich war.“ Sean seufzte plötzlich und Henry warf ihm einen genervten Blick zu. Anscheinend hatte Sean sich schon verguckt, aber das passierte ihm leicht: Hauptsache es war weiblich und jung. Alles andere war ihm meist egal, wobei natürlich auch er wählte, weil er es ebenso konnte.

„Sean! Kannst du mal was Sinnvolles zum Thema beitragen?“ Claire neben ihm übergab sich beinahe.

„Wieso? Das war doch sinnvoll, sie ist zumindest nicht total hässlich!“ Sean grinste.

„Als ob es darauf ankommt.“

„Na ja, ich finde schon. Wenn schon jemand Neues zu uns kommt, dann sollte sie wenigstens hübsch sein. Wie hieß sie auch noch?“

Sofort stöhnten alle Frauen auf, was Henry verstehen konnte. Sean hatte wirklich ganz klischeehaft für einen Frauenhelden, wie er sich selbst bezeichnete, ein wahnsinnig schlechtes Namensgedächtnis. Zumindest tat er so.

Claire schüttelte den Kopf: „Sean, du bist echt unmöglich. Sie hieß Elisabeth.“

Jetzt wurde es Henry doch zu viel. „Könntet ihr vielleicht endlich das Thema wechseln?“ Ihm ging das Gequatsche der anderen auf die Nerven. Außerdem führte es zu nichts. „Wartet bis Tom da war und dann diskutiert euch von mir aus zu Tode, am besten in meiner Abwesenheit!“

Das zeigte die erhoffte Wirkung. Einige schwiegen nun, ein paar fingen mit anderen Themen an. Er hatte endlich wieder ein wenig Ruhe, um nachzudenken. Er konnte die Situation immer noch nicht begreifen und er wartete mittlerweile doch ziemlich ungeduldig auf Toms Erscheinen. Doch seine Geduld wurde nicht auf eine allzu lange Probe gestellt. Tom erschien genau dann, als sie gerade alle mit Essen durch waren. Seine Miene schien unergründlich und er musterte einen nach dem anderen. „Hallo allerseits!“

Alle begrüßten ihn mehr oder minder freundlich. Henry sagte nichts, sondern kniff nur abwartend die Lippen zusammen.

„Also, ich weiß ihr seid verärgert und brüskiert …“ Toms Blick fiel auf ihn, während er sich an den Tisch setzte, genau ihm gegenüber: „Zudem habt ihr vermutlich tausende von Fragen.“

Allgemeines Geräusper folgte, doch keiner sagte etwas darauf.

Tom seufzte. „Bevor ich beginne, alles was ich jetzt sage, bleibt unter uns. Ich will, dass das, was ich euch gleich erzähle, so wenig wie möglich Menschen hier bei UCoP wissen. Nach draußen geht nichts! Verstanden?“

Alle nickten.

„Gut, kommen wir zum eigentlichen Thema: Ich habe heute ganz spontan entschieden, dass ich Elisabeth oder besser Beth, wie sie selbst genannt werden will, …“, dabei verdrehte er die Augen: „… bei euch auflaufen lasse. Meine Frage an euch:  Wie fandet ihr sie? Völlig objektiv betrachtet?“

Alle stutzten bei der Frage. Wieso wollte Tom JETZT ihre Meinung wissen? Henry ballte seine Hände mal wieder zu Fäusten.

„Sie ist hübsch, wenn auch noch etwas unscheinbar“, begann Sean und grinste. Einige seufzten und Claire versetzte ihm einen Stoß in die Seite.

Tom starrte ihn an, nickte aber dann kommentarlos. „Weiter?“

„Ihre Stimme ist gut. Aber sie war viel zu ängstlich, sie hat wahrscheinlich noch nicht oft vor Publikum gesungen?“, setzte Ana ein.

„Oder es lag an uns, du weißt doch, dass die Leute bei uns immer nervös sind“, kommentierte Ben.

„Stimmt. Na ja egal weswegen, Fakt ist, sie klang ängstlich!“, stimmte ihm Ana zu.

„Und sie war tierisch nervös!“, brummte Feo.

„Aber sie hat den Song trotz Nervosität und Angst bis zum Ende gesungen, das verdient schon Respekt“, meinte Claire und sah offensiv Henry an, der nur die Augen verdrehte. Sie ahnte, was er von der Sache hielt.

Einige nickten, genau wie auch Tom. „Weitere Stimmen?“, fragte er nach.

„Sie sah nicht so aus, als ob sie jeden Tag trainiert“, murmelte Thien.

„Hat sie bisher auch nicht“, antwortete Tom und alle starrten ihn wieder an: „Aber dazu gleich mehr.“ Er ließ sich nicht beirren und nahm seinerseits Henry ins Visier: „Was meinst du?“

Typisch, natürlich wollte er noch seine Meinung wissen. Eigentlich war er dafür viel zu aufgebracht, doch er durfte jetzt nicht explodieren, dass würde er nur unter vier Augen mit Tom tun. Schließlich war er auch der Teamleader und konnte ihn nicht einfach vor allen anschnauzen und fragen, ob er noch ganz dicht war bei der Aktion mit der Kleinen. Er atmete tief durch und versuchte neutral zu antworten: „Ihre Stimme war von der Phonetik her gut und kräftig. Sie hat einen großen Tonumfang und zumindest die hohen Töne waren recht ordentlich. Eine Sopranstimme, wobei die wenigen tiefen Töne auch halbwegs getroffen waren. Das spricht ebenfalls für den großen Tonumfang. Sie könnte vermutlich also auch Alt singen. Abgesehen davon war sie sehr aufgeregt und ängstlich, was man ihr ansah und anhörte. Aber wie Claire bereits meinte, hat sie es bis zum Ende durchgehalten. Also ist sie nicht unbedingt willensschwach. Zur körperlichen Seite kann ich nicht viel sagen, wir haben ja gesungen, nicht getanzt, geschweige denn performt. Ihr Trainingszustand scheint mir allerdings eher kritisch, ihr Aussehen war okay …“ Damit brach er ab.

Tom studierte ihn eindringlich, nickte dann aber erneut. „Gut, danke.“ Damit wandte er sich an alle, anscheinend halbwegs zufrieden mit Henrys Antwort: „Also ihr vermutet richtig, dass ihr Trainingszustand nicht dem entspricht, wie es normalerweise bei euch Performern der Fall ist. Doch dazu gibt es einiges zu sagen: Ihr habt sicherlich Carlos wahrgenommen, der bei ihr stand?“

Alle nickten mehr oder minder.

„Er hat sie in Deutschland entdeckt und sie hat vor ihrer Entdeckung durch ihn noch nie performt.“ Er ließ den Satz kurz wirken, aber bevor jemand reagieren konnte, setzte er noch nach: „Sie hat absolut keine Ahnung von unserem Business.“

Totenstille beherrschte in den nächsten Sekunden den Esssaal.  Henry starrte wie alle anderen Tom an und versuchte zu verstehen, was Tom da gerade gesagt hatte, um zu reagieren.

„Wie sie hat das noch nie gemacht?“ Claire fasste sich als Erste.

„Sie hat vorher nie professionell getanzt oder Gesangsunterricht gehabt, geschweige denn, dass sie je in ihrem bisherigen Leben mal performt hat. Sie ist ein absoluter Neuling, ein Laie“, führte Tom das Ganze aus, verschränkte die Arme vor sich und beobachtete alle.

Wieder schwiegen sie. Länger als zuvor.

„Und deswegen ist das, was sie heute gemacht hat so erstaunlich“, fasste Tom nach einer Weile zusammen. Doch der Raum blieb still, sodass Tom nach einem weiteren Augenblick weitersprach: „Ihr habt sie nicht tanzen gesehen – was vielleicht auch besser ist, sie kennt nicht einmal die Grundregeln oder auch nur die Begriffe dafür …“ Er seufzte schwer. „Ich kann euch jedoch sagen, dass ich in meinem Leben noch nie jemanden getroffen habe, der so viel Talent hat, bis auf Henry.“

Sofort ruckte Henrys Kopf hoch – er hatte inzwischen die Tischplatte angestarrt – und sah, wie Tom ihn musterte.

„Mit einem Unterschied, sie fängt bei null an, hat erst wenige Wochen unprofessionellen Unterricht in Berlin und halbwegs professionellen hier hinter sich, und lernt dabei so unglaublich schnell, dass ich immer noch fassungslos deswegen bin.“ Er schüttelte wie zur Bestätigung den Kopf. Tom musste wirklich beeindruckt davon sein, wenn er das so offen zugab. Normalerweise war er das Schweigen selbst. „Das ist einer der Gründe, warum ich sie zu euch gelassen habe und weswegen ich will, dass ihr alle ihr eine Chance geben werdet. Wenn sie nur halb so gut wird, wie es gerade scheint, dann ist sie eine hervorragende Ergänzung für euch – mal abgesehen davon, dass das die Story des Jahrhunderts wird!“ Toms Augen waren ernst und bedeutungsschwankend.

„Carlos´ Lebenstraum wird Realität.“ Henry sah zu Sean. Sean hatte recht, genau das war Carlos´ Traum, der von vielen milde belächelt wurde. Auch er hätte nie gedacht, dass der sich vielleicht mal erfüllen könnte.

Tom nickte bloß: „Wir werden sehen. Ihr wisst jetzt Bescheid. Ich entschuldige mich nicht für die Aktion heute, so ward ihr neutraler, wenn vielleicht auch ein wenig wütender.“ Er grinste und Henry sah, wie auch ein paar der anderen grinsten. Er grinste nicht und er fand das auch immer noch nicht witzig. Die Aktion war und blieb scheiße. „Die nächsten Wochen werdet ihr sie nicht zu Gesicht bekommen, also lasst das alles sacken und ich versuche festzustellen, was wir mit ihr machen. Wie gesagt, meine einzige Bitte ist, trotz eures Unmutes, ihr eine Chance zu geben, wenn es so weit sein sollte.“

Henry beobachtete, wie alle nickten. Er ließ es bleiben. Er konnte nicht dafür garantieren, dass sie eine Chance bei ihm bekam.

„Henry, ich hab dir ihre Akte geschickt, falls du sie dir angucken willst.“ Tom betrachtete ihn wieder, dieses Mal stirnrunzelnd. Er hatte also sehr wohl bemerkt, dass er nicht zugestimmt hatte.

„Wer tanzt denn eigentlich mit ihr?“, räusperte sich Sean plötzlich. Sofort musterte Claire ihn, so, als wollte sie überprüfen, auf was die Frage abzielte. Immerhin war sie seine Performpartnerin. Sean schien jedoch einfach nur neugierig zu sein, ohne irgendwelche Hintergedanken.

Auf einmal waren wieder alle Augenpaare auf Henry gerichtet und er wiederum sah augenblicklich zu Tom, der ihn ein weiteres Mal in Ruhe betrachtete und analysierte. Henrys Hände ballten sich wieder zu Fäusten. „Henry, du bist mit Abstand am Geeignetsten ihr zu helfen. Du bist immer noch und als Einziger im Team allein, weil keine Performerin dir standhalten kann und konnte. Vielleicht ist Beth ja die Richtige, sie ist noch frisch und ungeformt … du könntest ihr einiges beibringen.“ Mehr sagte Tom nicht. Und Henry wusste ebenfalls nichts zu sagen.  Sein Zorn entflammte von Neuem, sodass er augenblicklich beschloss zu gehen. Ansonsten würde er genau hier und jetzt explodieren. Er stand schweigend und mit verkniffenem Gesicht auf und verließ fluchtartig den Raum, bevor er irgendetwas sagte, irgendetwas tat, was er später bereuen musste.

Keiner hielt ihn auf!

 

 

 

 

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Texte © Copyright by 2017

Minny Baker

minny.baker@web.de

 

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